Eh nur Babyspeck?

Eh nur Babyspeck?
Foto: shutterstock/Paul Hakimata Photography


An Gewicht zulegen

Besonders in den ersten Monaten kann man den Babys fast beim Wachsen zusehen. Bei jeder Messung scheinen höhere Größen- und Gewichtsmaße auf. Doch keine Angst, in diesem Tempo geht es nicht lange weiter. Dennoch erreichen die meisten Babys nach dem ersten halben Jahr ihr doppeltes Geburtsgewicht. Zum ersten Geburtstag kann man sogar von einer Verdreifachung der ursprünglichen Körpermasse ausgehen. Diese Richtwerte haben bereits seit vielen Generationen Gültigkeit. Das Ausgangsgewicht nimmt in den letzten Jahren allerdings klar zu.

 

Steigendes Geburtsgewicht

"Vor 10 bis 15 Jahren waren Kinder mit einem Geburtsgewicht über 4.000 Gramm eher selten'", berichtet Prof. Dr. Renaldo Faber, Leiter der Abteilung Pränatale Medizin und Geburtshilfe der Universitätsfrauenklinik Leipzig. Das durchschnittliche Geburtsgewicht betrug damals ca. 3.100 Gramm im Gegensatz zu 3.400 bis 3.500 Gramm heute. Es hat sich also um ca. 300 Gramm nach oben verschoben. Immer öfter erreichen Neugeborene auch Gewichtsklassen von über 4.000 oder sogar 5.000 g.

Der Anstieg des Geburtsgewichts von Babys hängt auch mit einem vermehrten Auftreten von übergewichtigen Kindern zusammen. Mehrere Studien sprechen dafür, dass ein direkter Zusammenhang zu den steigenden Zahlen von Übergewicht im Kindesalter besteht. So haben Kinder mit einem Geburtsgewicht zwischen 3500 und 3999g ein mehr als doppelt so hohes Risiko, in der frühen Kindheit adipös (stark übergewichtig) zu sein, als Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 3500g. Für Kinder, die bei der Geburt über 4000g wogen, ist das Adipositasrisiko sogar fast viermal höher als bei leichteren Altersgenossen.

 

Was ist die Ursache?

Ein wesentlicher Grund für diese Steigerung ist die veränderte Ernährung und Bewegungsfreude der Eltern. Schon die Mütter wiegen heute im Durchschnitt mehr als noch vor 20 Jahren. Und die gehaltvolle, energiereiche Nahrung während der Schwangerschaft führt dazu, dass auch die Kinder von Geburt an schwerer werden.


Interessanterweise ist das Risiko von Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit) nicht nur durch ein sehr hohes, sondern auch durch ein sehr niedriges Geburtsgewicht erhöht. Wie passt das zusammen? Sehr zarte Kinder, oft sind es Frühgeborene, müssen anfangs aufgepäppelt werden. Erst wenn sie in möglichst kurzer Zeit das durchschnittliche Gewicht von Gleichaltrigen erreichen, haben sie "gut aufgeholt". Leider setzt sich dieses Aufpäppel-Schema manchmal langfristig in den Gedanken der Eltern fest und die Kinder werden brav weiter gefüttert und gefüttert ...

 

Dicke Babys - dicke Erwachsene

Die Gefahr, auch als Erwachsene übergewichtig zu sein, ist bei dicken Kindern deutlich erhöht. Allerdings werden dazu kaum die ersten beiden Lebensjahre als direkter Vergleich herangezogen - vorausgesetzt, die Eltern haben ein normales Gewicht. Erst mit zunehmendem Alter der fülligen Kinder erhöht sich das Risiko, dass das Übergewicht bestehen bleibt, beträchtlich. Dennoch nimmt der Einfluss der Veranlagung mit den Jahren ab. Eher sind es die erzieherischen Umstände, die das Gewicht überdurchschnittlich wachsen lassen. 


Ist es immer Hunger?

Die anfängliche Kommunikation mit den Kleinsten ist noch recht missverständlich. Nicht jedes Weinen des Babys kann richtig eingeordnet werden. Ganz sicher heißt es aber nicht automatisch, dass sie jedes Mal, wenn sie weinen auch Hunger haben! Wenn die Signale falsch gedeutet werden, beschert man den Kindern mit diesem Verhalten langfristig Schwierigkeiten. Jedes Unwohlsein, jedes unsichere Gefühl oder jede Langeweile wird später gerne mit Essen kompensiert.


Respektieren Sie das anfangs noch untrügliche Gefühl der Kinder, welches ihnen sagt, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt genug ist oder sie eine kleine Pause brauchen, um herauszufinden, ob sie noch Hunger haben. Für Eltern muss das Aufstoßen und Wegdrehen des Kopfes genauso ein Stoppsignal sein, wie die plötzliche Passivität und Saug/Kau-Unlust. Werden die Lippen aufeinander gepresst, ist es wohl kaum zu übersehen, dass die Nahrungsaufnahme nun beendet ist.


Wenn man Kindern von klein auf die angeborene Kompetenz zutraut, selbst zu entscheiden, wann sie hungrig und wann sie satt sind, läuft man weder Gefahr, dass sie verhungern, noch dass sie übergewichtig werden. Ein Beobachten der ganzen Situation und ein eventuelles Nachfragen beim Kinderarzt gehören natürlich ganz selbstverständlich dazu.


Babyspeck oder mehr?

Die Bezeichnung "Baby" ist für die Kleinsten im ersten Lebensjahr vorbehalten. In dieser Phase werden Energiereserven für spätere, bewegungsreiche Abschnitte aufgebaut. Die meisten Babys sorgen in dieser Zeit mit ihren Speckröllchen für Entzücken der Erwachsenen - ist der Babyspeck doch so knuddelig und auch ganz normal. Sobald das Krabbelalter einsetzt und dann die ersten Schritte versucht werden, bleibt das Gewicht für eine Weile recht konstant. Nur kleine Steigerungen sind in dieser Zeit zu bemerken. Das "Breitenwachstum" flacht also deutlich ab. Wenn Sie bei Ihrem Kind jedoch keine dünnen Phasen zwischendurch erleben, sollten sie Ihr Fütterungsverhalten genauer betrachten.

 

Stillen

Bereits die Ernährung in den allerersten Lebenswochen hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das spätere Körpergewicht. So zeigte sich in zahlreichen Untersuchungen, dass Stillen gegenüber dem Füttern von Formula Nahrung das Übergewichtsrisiko um rund 30 % senken konnte.


In einer deutschen Studie konnten bei 4,5 % der reinen Flaschenkinder später massives Übergewicht festgestellt werden. Im Vergleich dazu wiesen nur 0,8 % der 12 Monate gestillten Kinder Adipositas auf. Die Zahl sank kontinuierlich mit zunehmender Stilldauer. Der schützende Effekt des Stillens ist dabei unabhängig von anderen Lebensstilfaktoren festgestellt worden.


Ein großer Vorteil von gestillten Kindern ist die Möglichkeit selbst zu entscheiden, wann sie satt sind und wie oft sie trinken wollen. Flaschen-Kinder werden oft so lange gefüttert, bis die Flasche leer ist, weil sich die Eltern dabei zu stark an die empfohlene Mengenangabe auf der Verpackung halten. Diese Babys sind für Übergewicht verstärkt anfällig, weil ihre natürliche Sättigungsgrenze ständig überschritten wird.


Formularnahrung

Wenn Mütter nicht stillen wollen oder können, sind industriell gefertigte Pre- oder Anfangsnahrungen die beste Alternative. Sie sind der Muttermilch bestmöglich angepasst und können ebenfalls ad libitum (d.h. nach Bedarf des Kindes) gegeben werden - ganz ohne Sorge, das Baby damit zu überfüttern. Genauso wie Muttermilch ist die Milchversorgung damit während des gesamten ersten Lebensjahres gesichert.


Der Umstieg auf 1er oder 2er Nahrungen ist also eigentlich nicht nötig. Viele Eltern lassen sich jedoch zu einem Umstieg verleiten, wenn das Baby in Wachstumsphasen öfter als üblich nach der Flasche verlangt oder die Nachtruhe (aus welchem Grund auch immer) über längere Zeit ausbleibt. Besprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt, ob und wann der Umstieg auf eine stärkereichere 1er Nahrung wirklich nötig ist. 2er Nahrung enthält neben einem größeren Anteil an Stärke auch Zucker und ist daher nicht anzuraten.


Achten Sie auch bei den Tees, Gläschen und Fertigbreien auf den Zuckeranteil. Egal ob Traubenzucker, Malz, Honig oder andere Sorten - kein konzentrierter Zucker hat im Speiseplan der Babys etwas verloren. Schon früh werden die Kleinen auf ein unnatürlich hohes "Süß-Niveau" im Geschmack angehoben, welches sich jährlich weiter hinauf schraubt.

Die in Deutschland durchgeführte DONALD-Studie hat festgestellt, dass auch Babys mit erhöhtem Eiweißanteil in der Nahrung ein gesteigertes Risiko an Übergewicht in späteren Jahren aufweisen. So hat z.B. Kuhmilch einen ungefähr doppelt so hohen Eiweißgehalt als das Referenzmittel Muttermilch und wird deshalb im ersten Lebensjahr nicht empfohlen.


Bleiben Sie daher den Empfehlungen treu, die von Stillen oder Pre-Nahrung in den ersten 6 Monaten sprechen. Der Umstieg auf Breikost sollte langsam, mit einfachen Lebensmitteln ohne Zucker, Salz und anderen Gewürzen erfolgen. Als Durstlöscher hat sich Wasser bewährt.


Der Weg vom niedlichen Babyspeck zum ausgewachsenen Dickerchen ist oft ein kurzer. Und dicke Kinder haben es nicht leicht - die Gefahr ist groß, dass der frühe Speck von heute die Grundlage für spätere Krankheiten und Schäden ist. Doch diese Tatsache rückt erst langsam in unser Bewusstsein.

 

 

Buchtipp:

 "Fit statt dick", Nicole Seiler, Goldegg-Verlag, ISBN 978-3-901880-61-2