Impfen

Impfen
Foto: Shutterstock/Oksana Kuzmina / Author: Elisabeth Sorantin


Meine Kindheitserinnerungen sind nach Infektionskrankheiten geordnet, denn anno dazumal gab es noch nicht alle Schutzimpfungen, über die man heute verfügt. In besonders übler Erinnerung sind mir die Masern. Da war ich fünf. Mir war übel, ich hatte eine gewaltige Bindehautentzündung, das Licht tat mir weh. Dazu gesellte sich eine Mittelohrentzündung. Meine Haut fühlte sich wund an. Die roten Flecken fand ich bizarr und besorgniserregend - ob sie wohl wieder weggingen? Vier Tage hohen Fiebers ließen mich sterbenselend fühlen. Als es endlich überstanden war, brauchte ich ewig, um wieder auf den Damm zu kommen. Mein Kreislauf existierte quasi nicht, aufzustehen war eine Qual, und jeden Tag eine halbe Stunde länger durchhalten zu müssen ebenfalls. Ich wollte nichts als nur schlafen. Nach einem Monat ging es mir besser. Von einem immunstärkenden Effekt konnte allerdings keine Rede sein. Ich fing mir dauernd irgendetwas ein.

Kein Wunder: Internationale Studien haben mittlerweile bewiesen, dass Masern das Immunsystem auf Jahre hinaus schwächen. In manchen Fällen kommt es sogar noch viel später zu einer schleichenden Gehirnentzündung mit tödlichem Ausgang.

Meine Geschichte ging weiter mit Windpocken und Mumps. Im Alter von zehn Jahren absolvierte ich noch eine Ehrenrunde Keuchhusten. Mein Lebensgefühl ähnelte einem Daueraufenthalt unter dem Damoklesschwert: Wann kommt der nächste Hammer? Mein Großvater, der Arzt war, erklärte mir, warum er Diphterie impfte. Das leuchtete mir ein. Beide dachten wir, wie großartig es wäre, könnte man auch gegen Masern, Windpocken und Keuchhusten impfen.

IMPFMÜDIGKEIT


Der Wunsch ging in Erfüllung, Masern und Co. sind schon seit Langem Teil des Impfplans. Kostenlos. Die Impfprogramme griffen. Waren diese Infektionskrankheiten jetzt zumindest in unseren Breiten ausgerottet? Leider zu früh gefreut. Was Infektionskrankheiten wirklich sind und welche Komplikationen mit ihnen einhergehen, geriet in Vergessenheit.
Die Impfmüdigkeit stieg an. Warum? Man wollte seinem Kind die Impfreaktion ersparen? Dazu kann ich nur sagen: Auch eine ausgeprägte Impfreaktion ist ein Klacks gegen die eigentliche Krankheit. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe es am eigenen Leib erfahren.
Die Angst vor möglichen Impfschäden ist für mich wenig begründet: Impfstoffe werden streng überwacht und mögliche Impfschäden in speziellen Datenbanken gelistet und analysiert. Das Risiko eines Impfschadens ist minimal, das Risiko einer Komplikation durch die Krankheit hingegen eine echte Bedrohung. Viele halten Infektionskrankheiten für ausgerottet und die Impfung aus diesem Grund für überflüssig. Das ist ein Trugschluss: Sobald die Durchimpfungsrate sinkt, sind sie wieder auf dem Vormarsch. So geschehen zu Beginn der 1990er-Jahre in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Die Folge war eine Diphterie-Epidemie mit 140.000 Erkrankten und 4.000 Todesopfern.

HERDENSCHUTZ


Impfen ist keine reine Privatsache. Denn manche Personen dürfen aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden, z.B. Frühgeborene, Krebspatienten oder Personen, die wegen Autoimmunerkrankungen wie Rheuma mit Antikörpertherapien behandelt werden. Sind im Fall der hochansteckenden Masern mindestens 95 Prozent der Bevölkerung immunisiert, können sich die Erreger nicht ausbreiten. Damit sind auch die Nichtgeimpften geschützt. Sinkt die Durchimpfungsrate, wird dieser Personenkreis unnötig gefährdet. Mittlerweile wurden zwar immer mehr Impfmöglichkeiten für Risikogruppen entwickelt - das heißt aber keineswegs, dass der Herdenschutz an Bedeutung verloren hat. Es ist schlicht nicht möglich, alle Risikogruppen durchzuimpfen!


SICH SELBST UND ANDERE SCHÜTZEN


Infektionskrankheiten sind kein Kinderspiel. Impfen schützt. Nutzen Sie die Chance!


EINE KURZE GESCHICHTE DER MASERN


Ursprünglich hießen die Masern lateinisch "Morbilli", was in etwa "Krankheit der kleinen Flecken" bedeutet. Später setzte sich die niederdeutsche Bezeichnung "Maselen" durch, die zu "Masern" - wie in "Maserung" - wurde. Die Masern wurden das erste Mal im 10. Jahrhundert umfassend im Werk "Von Pocken und Masern" des persischen Gelehrten ar-Ráz beschrieben. Er stufte die Masern als sehr gefährlich ein. Masernepidemien standen auf der Tagesordnung und forderten zahlreiche Todesopfer. Ganz besonders schlimm erwischte es die indianischen Ureinwohner in Amerika, die erst über ihre Entdecker mit dem Virus infiziert wurden. Mitte des 16. Jahrhunderts starben nach einem verheerenden Masern-Ausbruch in Mittelamerika zwei Drittel der Bevölkerung, die gerade eine schwere Pockenepidemie überlebt hatte. Bis zu einer Schutzimpfung war es noch ein weiter Weg: Im 17. Jahrhundert gelang es dem "englischen Hippokrates", Thomas Sydenham, die Masern als eigenständige Infektionskrankheit gegenüber Scharlach und Röteln abzugrenzen. Der französische Arzt Antoine Louis Gustave Béclère erregte 1882 mit seiner Abhandlung über "Die Ansteckung mit Masern" großes Aufsehen. 1927 entwickelte Rudolf Degkwitz die erste passive Masernschutzimpfung, 1954 konnte das Virus erstmals von den US-Forschern John Franklin Enders und Thomas Peebles isoliert werden. Erst 1963 war es dann endlich so weit: Der erste Masernschutzimpfung kam auf den Markt.



Wichtige Links zum Thema "IMPFEN":