Übergewicht bei Kindern

Übergewicht bei Kindern
Foto: shutterstock/Oksana Kuzmina


Kinder wachsen hoch und breit

Erstes Halbjahr

Als Anna geboren wurde, hatte sie genau 3.400 g Geburtsgewicht. Standardwert also - guter Durchschnitt. Beim Stillen hat sie sich richtig ins Zeug gelegt und mit einem halben Jahr ihr Ausgangsgewicht bereits verdoppelt. Auch längen mäßig hat sich einiges getan!

Zweites Halbjahr

Im zweiten Halbjahr bremsen sich Längen- und Breitenwachstum etwas ein - die Konzentration liegt eher beim Erlernen neuer Fertigkeiten. Die bisher angelegten Reserven werden nun zum Teil für die Krabbelphase verwendet, die recht viel Energie benötigt. Sobald Anna ihre ersten Schritte macht, schwinden die kleinen Pölsterchen langsam zugunsten von Muskelmasse.

 

Kindergarten

Beim Eintritt in den Kindergarten gehört Anna eher zu den Kleineren. Und sie isst derzeit mit großem Appetit und Ausdauer. Das Bäuchlein ist wieder gewachsen und sie wirkt fast pummelig. Ihre Mutter macht sich dennoch keine Sorgen, da Anna den ganzen Nachmittag mit ihren Geschwistern im Garten tollt und auch jeden Tag mit dem Dreirad in den Kindergarten fährt. An Bewegung mangelt es ihr sicher nicht und das ist ein ganz wesentlicher Vorteil.

 

Schulbeginn

Seit Anna eingeschult wurde, ist sie nicht nur innerlich gewachsen - der Stolz auf die coole Schultasche ist noch immer riesig. Auch körperlich ist sie ein schönes Stück in die Höhe geschossen. Ganze zehn Zentimeter waren es im letzten Jahr! Die letzten Reste vom "Babyspeck" sind dabei völlig verschwunden. Ein drahtiges junges Mädchen ist Anna geworden. Bei der Begrüßung ihrer Tante rollt sie die Augen - das hat sie in letzter Zeit schon so oft gehört. Und natürlich schmeckt ihr das Essen noch, aber auch das Radfahren macht ihr großen Spaß und in einem Sportverein ist sie jetzt auch.

Viele Kinder sehen in dieser Zeit richtig dünn aus - Sorgen muss man sich auch hier keine machen. Vor allem in den Wachstumsphasen ändert sich die Körperzusammensetzung sehr stark. Das ist völlig normal und natürlich.

 

Volksschulzeit

Während ihrer Volksschulzeit wird Anna langsam wieder etwas zulegen. Der Körper muss sich nicht vorrangig auf das Längenwachstum konzentrieren und kann wieder mehr Energie speichern.


Und das ist eine weise Voraussicht, denn zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr setzt ein neuerlicher großer Wachstumsschub ein. Dieser hält bis über das 16. Jahr bis 18. Jahr hin an. In dieser Zeit sind große Essensmengen nicht verwunderlich. Aber das kennt Annas Mutter schon von Annas ältestem Bruder Tobias. Der ist mit seinen 14 Jahren kaum satt zu bekommen und isst weit mehr als sein Vater.

 

Bewegung

Tobias braucht auch seine täglichen Bewegungseinheiten. Ohne Sport ist er irgendwie unrund, die Laune sinkt, die Aggression steigt. Er spürt gerne und gut die Bedürfnisse seines Körpers - sei es beim Essen oder beim Muskeltraining. Stundenlang vor Computerspielen zu sitzen ist ihm zu langweilig. 


Schulkollegen, die viele Stunden körperlich untätig herumsitzen, wollen und können die Signale ihres Körpers nicht mehr richtig deuten. Das angenehme Körpergefühl bei Bewegung kehrt sich schnell ins Gegenteil. Bei jeder Tätigkeit werden sie sich ihrer trägen Fülle unangenehm bewusst.


Geringe Aktivität bedeutet aber auch geringen Energieverbrauch.

Bewegungsmangel gilt als eine der Hauptursachen für die steigende Zahl von übergewichtigen Kindern. Denn selbst die Kinder bewegen sich in unserer modernen Gesellschaft immer weniger. Statt Versteckspielen oder Rollschuhlaufen verbringen die Kinder von heute den Tag lieber vor dem Fernseher bzw. Computer. In England beispielsweise schaut ein Kind durchschnittlich 26 Stunden pro Woche fern! In manchen Familien steht man auch hierzulande dem um nichts mehr nach.


Dabei haben Kinder einen ganz natürlichen Bewegungsdrang. Nützen Sie jede sich bietende Gelegenheit für körperliche Aktivität! Bei den Kleinsten kann es gut in ein Spiel verpackt werden, die Volksschulkinder wollen sich schon gerne im Wettstreit beweisen oder Hindernisse welcher Art auch immer überwinden. Zeigen Sie Ihren Kindern Spiele aus Ihrer Kindheit wie Tempelhüpfen, Seilspringen oder ähnliches.

 

Passt das Gewicht?

Schätzen Sie nicht Gewicht und Größe Ihres Kindes, sondern messen Sie. Gerade Eltern übergewichtiger Kinder neigen oft etwas zu "Betriebsblindheit". 
Die aussagekräftigste Formel dazu ist der Body Mass Index (BMI). Hier wird das Gewicht der Größe gegenübergestellt. Bei der Beurteilung des Übergewichts mittels BMI, muss aber auch das Geschlecht und das Alter berücksichtigt werden. Die errechneten Werte sind mit jenen für Erwachsene nicht vergleichbar.

 

 Gewicht in kg
BMI = -------------------
 (Größe in m)2

 

Die errechnete Zahl wird in der Tabelle beim entsprechenden Alter eingetragen. Liegt der Wert zwischen P10 und P90 (P steht für Perzentile), so liegt das Gewicht im "Normalbereich". Bei allen Werten über P90 müssen natürlich noch andere Faktoren in die Schlussbewertung mit einfließen, aber zumindest das Risiko für Übergewicht ist alleine durch diesen Wert schon sehr hoch.


Woher kommt das Übergewicht?

Ganz einfach gesagt: Dem Körper wird schlicht mehr gegeben, als er verbraucht!

Kinder sind vom Babyalter aufwärts in ihrem sozialen Umfeld einer Vielzahl an Einflüssen ausgesetzt, die das Risiko von Übergewicht erhöhen.


So weiß man, dass Kinder mit übergewichtigen Eltern ein deutlich größeres Risiko haben, selbst zu dick zu werden. Dies aber allein der genetischen Veranlagung zuzuschreiben, wäre ein zu einfacher Ansatz, obwohl gewisse ererbte Körperformen durchaus nachvollziehbar sind.
 
Wesentlich größer ist der Faktor der Einkaufs- und Essgewohnheiten in der Familie. Und diese werden nicht nur durch das Einkommen bestimmt, wie man oft glauben möchte.


Auch Unwissenheit über die richtige Nahrungszusammensetzung, Desinteresse punkto Gesundheit und natürlich nicht erlernte Fähigkeiten in der Küche tragen ihren Teil dazu bei. Je größer die Unsicherheit, umso eher "unterstützt" hier die Werbung unsere Entscheidung beim Griff ins Regal.


Falsch verstandenes Verwöhnen der Kinder durch meist teure, aber oft wenig hochwertige Produkte lässt Kinder den Bezug zu natürlichen Lebensmitteln verlieren.


Entscheidend ist auch, wie Familien Ihre Freizeit gestalten. Werden die Nachmittage gemeinsam als Couchpotatoe verbracht oder wird ein aktiver Ausgleich zum sitzenden Schulalltag geschaffen.

 


Hunger und Sättigung

Von Geburt an haben Kinder ein ganz natürliches Gefühl für Hunger und Satt sein. Leider greifen wir Eltern schon sehr früh in diesen Mechanismus ein und verhindern dadurch eine Weiterentwicklung des "Bauchgefühls".

 

  • Wenn Babys schreien, heißt es nicht automatisch, dass sie Hunger haben. Jedes Unwohlsein wird sonst später mit Essen kompensiert.
  • Richten Sie kleine Portionen am Teller an und lassen die Kinder mitentscheiden, wie viel drauf kommen soll. Nachschlag kann es bei Bedarf jederzeit geben.
  • Die vollen Schüsseln lassen Sie lieber in der Küche stehen, der Futterneid lässt sonst viele bei Tisch zu mutig zugreifen.
  • Nötigen Sie Ihr Kind nicht dazu, den Teller leer zu essen. Auch wenn nur mehr zwei Löffel übrig sind, darf Ihr Kind dennoch die Grenze ziehen und genau diese zwei Löffel als zu viel ansehen. Es muss auch dann nicht aufessen, wenn es die Menge vorher selbst bestimmt hat.
  • Kinderportionen lassen sich nicht an den Mengen für Erwachsene messen. Und Kinder sind auch nicht alle gleich und essen nicht jeden Tag gleich viel.
  • 5 Mahlzeiten am Tag sollten angeboten werden, der Abstand dazwischen soll nicht mehr als 3 Stunden betragen. Andernfalls locken die berüchtigten kleinen Snacks zwischendurch zu stark.
  • Jedes Verhalten der Eltern wird als "normal" übernommen. Auch wenn es die dicke Butterschicht unterm Salamibrot, das alleinige Verwenden von Fertigprodukten oder der Frühstückskaffee im Stehen ist. Seien Sie sich Ihrer Vorbildwirkung bewusst!
  • Süßigkeiten sind keine Belohnung! Es gibt sie in kleinen Mengen nach einer Hauptmahlzeit, aber sie sollten nicht über Kummer und Schmerz hinweg trösten oder Langeweile ausgleichen.


So könnte ein idealer Tag für ein Volksschulkind aussehen:

Frühstück: 150 ml Naturjoghurt 1 % mit ½ Banane in kleinen Stücken, 1 TL Zucker und 2 EL trocken gerösteten Haferflocken

Schuljause: 1 Handteller großes Vollkornbrot mit Topfenaufstrich (z.B. Liptauer), 10 cm Gurke in Scheiben

Mittagessen: 1 Suppenteller Nudeln mit Gemüsesugo und 1 EL Parmesan, 5 Gummibärlis

Jause:  Obstsalat aus ½ Apfel, 1 Kiwi, 5 Erdbeeren

Abendessen: ½ Dose Thunfisch natur mit ½ Dose Bohnen, Tomaten und Paprikastreifen, als Salat angerichtet und gewürzt mit etwas Brot

Als Getränk sollte Wasser bereit stehen, ob mit oder ohne "Perlen" ist Geschmackssache.

 

Was kann ich tun?

Wenn Sie das Gefühl haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein - und Eltern können schließlich nicht in jedem Bereich Spezialisten sein - suchen Sie sich Hilfe von außen.

Sprechen Sie zu aller erst mit dem Kinderarzt über Ihre Sorgen. Er kann Ihnen grundlegende Tipps geben und konkrete Ansprechpersonen für das gewichtige Problem nennen. Die Servicestellen der Krankenkassen sind ebenfalls gute Kontaktstellen für Experten auf diesem Gebiet, die sich individuell auf Sie und Ihr Kind einstellen. Oft werden auch Informationsveranstaltungen oder Kurse zu diesem Thema angeboten.

Beziehen Sie Ihr Kind in die Überlegungen mit ein. Spätestens zu Schulbeginn muss Ihr Kind oft eigene Entscheidungen treffen. Die Eigenverantwortlichkeit wird ein großes Thema und sollte positiv genützt und mit einbezogen werden.

Ein guter Einstieg ist der Besuch eines Feriencamps. Drei Wochen verbringen Kinder mit den gleichen Problemen ihre Ferien unter fachlicher Betreuung miteinander. Sie lernen die richtige Auswahl der Lebensmittel, neue Essgewohnheiten und können eine Vielzahl an sportlichen Aktivitäten ganz ohne Scham und Ausgrenzung kennen lernen. Das steigert auch das Selbstbewusstsein und dadurch die Motivation durchzuhalten.