Geburtshilfe - von der Antike bis zur Gegenwart

Geburtshilfe - von der Antike bis zur Gegenwart
Foto: Ahturner/Shutterstock / Author: Doris Urbanek


Alte Zeichnungen GeburtshilfeHorrorfilm, Splatter Movie oder Historiendrama? Eine Verfilmung der Geschichte des Gebärens wäre jedenfalls nichts für sensible Gemüter. Willkommen zu einem Krimi der Geburtshilfe!

Schon im Buch Moses des Alten Testaments ist von der Hebammenkunst die Rede. Auch im antiken Griechenland oder im alten Rom galt die Geburtshilfe stets als Hochamt der Frauen. Laut der Frau Aristoteles’ sollten gar nur Mütter mit der Geburtshilfe betraut werden; ein Arzt war jedenfalls nur in schwierigen Fällen gefragt. In den folgenden Jahrhunderten wurde den Hebammen ihre Vorrangstellung bei der Geburtsbegleitung allerdings von mehr oder weniger akademisch gebildeten Ärzten streitig gemacht.

Äussere Wendung

Während im Mittelalter erste geburtshilfliche Schriften Verbreitung fanden und sich der Terminus "Hebamme" ausbildete, begannen Barbier-Chirurgen grausame mechanische Instrumente für schwierige Geburten zu entwickeln. Allmählich passten sich selbst berühmte königliche Hebammen der Mentalität der chirurgisch orientierten Wund- und Feldärzte an. Äußere Wendungen wurden zum Standard. Berühmtberüchtigt ist auch der aus Frankreich kommende Ansatz "prenez les pieds et tirez l’enfant" - "pack die Füße und zieh das Kind heraus". Dem natürlichen Geburtsverlauf war damit der Kampf angesagt.

Geburtsschmerz

 Wachte in der griechischen Mythologie Artemis, die selbst ohne Schmerzen von ihrer Mutter geborene Göttin der Natur, über die Gebärenden, so war die katholische Kirche besonders in Zeiten der Inquisition äußerst "schmerzaffin". Wer den Film "Die Päpstin" kennt, sieht dort die biblische Auffassung "Mit Schmerzen sollst du gebären" in Szene gesetzt. Hebammen durften keine schmerzlindernden Mittel anwenden, wollten sie nicht in den Verdacht der Hexerei geraten. In späteren Jahrhunderten versuchte man mittels Äther, Hypnose oder Psychoprophylaxe dem Geburtsschmerz "Herr" zu werden.

GeburtszangeGeburtszange

 Mit der Erfindung der Geburtszange durch den englischen Arzt Peter Chamberlen Anfang des 17. Jahrhunderts begann ein schwarzes Kapitel in der Geschichte der Geburtshilfe.

Die Zangengeburt war für Mutter und Kind gleichermaßen lebensbedrohlich:Blieb im Verlauf der Geburt, bei der oft der Muttermund noch nicht verstrichen war, der Kopf stecken, machte man sich an eine Verkleinerung des Kopfes oder eine Erweiterung des Beckens durch Durchtrennung der Schambeinfuge.

Gegenstimmen zu diesen Praktiken - beispielsweise vom Begründer der Wiener Geburtshilfe Johann Boër, der die Grundsätze einer möglichst naturnahen Geburtshilfe vertrat, oder dem Arzt Ignaz Semmelweis - gingen im medizinischen Establishment ihrer Zeit unter. In dieser Methode hat übrigens auch die Rückenlage der Gebärenden ihren Ursprung, weil erst so die Genitalien für Instrumente zugänglich waren.

Kaiserschnitt

Der Legende nach leitet sich der Begriff vom römischen Herrscher Julius Caesar ab, der aus dem Mutterleib herausgeschnitten worden sein soll. Naheliegender ist jedoch die Erklärung, dass der Name von einem römischen Gesetz ("Lex caesarea" von lat. "caedere" = "aufschneiden") abstammt: Verstorbenen Schwangeren war das Baby aus dem Bauch zu schneiden, um Kind und Mutter getrennt voneinander bestatten zu können. Bis in die Neuzeit bedeutete der Kaiserschnitt für die Mutter jedenfalls meist den Tod. Den ersten "klassischen" Kaiserschnitt, wie er heute noch praktiziert wird, führte ein Deutscher in den 1880er-Jahren durch.

Haus- versus Klinikgeburt

 Gebärhäuser galten im 19. Jahrhundert vorwiegend als Zufluchtsorte für unverheiratete Schwangere aus unteren Schichten, die dort unter katastrophalen hygienischen und medizinischen Zuständen ihre Kinder zur Welt brachten. Die Müttersterblichkeit infolge des Kindbettfiebers war mit 25 Prozent extrem hoch. Die Mehrheit der Frauen, die es sich leistenkonnten, zog bis zum Zweiten Weltkrieg eine Hausgeburt vor (im Jahr 1937 waren es 90 Prozent).

Sanfte Geburt

Der französische Gynäkologe und Geburtshelfer Frédéric Leboyer stellte die in den 1970er-Jahren in Frankreich vorherrschende technokratische Geburtspraxis infrage und propagierte eine respektvolle, menschliche Geburt. Sanfte Beleuchtung, Wärme und eine ruhige Umgebung sollten es der Mutter ermöglichen, sich ganz auf die Vorgänge im Körper und den Geburtsschmerz einzulassen.Nach der Geburt steht die Kontaktaufnahme zwischen Eltern und Kind im Vordergrund.

BabyMüttersterblichkeit

Zum Abschluss noch ein Lichtblick: Mitte des 19. Jahrhunderts beobachtete der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis, dass die Sterblichkeit von Müttern in der Hebammenstation mit zwei bis drei Prozent signifikant niedriger war als in der akademischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses (15 Prozent), wo Ärzte zwischen der Pathologie,in der Leichen seziert wurden, und der Gynäkologie hin- und herwechselten.

Der Tod eines befreundeten Pathologen brachte ihn dazu, erstmals die Händedesinfektion mit Chlorkalkwasser einzuführen. Innerhalb von ein paar Monaten konnte die Sterblichkeit unter den Wöchnerinnen drastisch reduziert werden. Trotzdem blieb ihm die Anerkennung dafür zeit seines Lebens verwehrt - die Antisepsis setzte sich erst mit 1867 allgemein durch.

 
Fotos: Historisches Museum Hannover,Elisabeth Sandmann Verlag, Klartext-Verlagsgesellschaft