Unfruchtbarkeit

Unfruchtbarkeit
Foto: RioPatuca/Shutterstock


Wunschkind

Bei durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau kann es sich jeder ausrechnen: Kinderlosigkeit ist ein verbreitetes Phänomen in Österreich. Oft ist sie gewollt oder zumindest nicht ungewollt: Kinder haben einfach keinen Platz im Leben, der richtige Zeitpunkt kommt nie daher, die Partner sind sich uneins. Ungefähr jedes siebte Paar hat jedoch mit dem gegenteiligen Problem zu kämpfen: Die beiden wünschen sich mehr als alles auf der Welt ein Kind - doch eine Schwangerschaft will sich nicht einstellen.

 

 

Jahrelanger Weg

Die drei Paare, mit denen NEW MOM gesprochen hat, waren alle mit dieser Situation konfrontiert. Bei Ronald und Anna W.* hat es 11 Jahre gedauert, bis sie nach mehreren Arztwechseln und drei Versuchen der künstlichen Befruchtung endlich Eltern von Zwillingen wurden. Bei Hanna und Christoph B.* war der Prozess genau so lang und mindestens so mühselig, doch auch der vierte Befruchtungs-Versuch schlug fehl. Martina und Karl K.* haben sich gegen die medizinischen Optionen entschieden und sind seit kurzem glückliche Adoptiveltern der kleinen Emma.*

 

Erste Antworten

Wie die meisten betroffenen Paare haben sie nach ein, zwei Jahren ohne Verhütung, aber ohne Schwangerschaft begonnen, sich Sorgen zu machen. Ihre Gynäkologin hat Hanna B. erstmal beruhigt: „"Sie haben einen stressigen Job, da werden viele Leute nur im Urlaub schwanger". "Das sind die Ratschläge, die man sich am liebsten anhört", meint Ronald W. dazu. Auch sein Arzt hat ihm erstmal geraten, sich zu entspannen, obwohl bei ihm bereits ein Spermiogramm durchgeführt und eine schlechte Samenqualität festgestellt wurde. Dieselbe Diagnose, die auch Karl K. hören musste: "Die Ärzte sind, wie sie sind. Es ist halt nicht so lustig, ein so schlechtes Spermiogramm nach Hause zu bringen. Aber sie haben mir realistisch gesagt, wie die Chancen stehen".

 

Spezialisten helfen

Die richtige Arztwahl war für alle Paare, mit denen wir gesprochen haben, ein schwieriges Thema. Dr. Alexander Just, Leiter einer Wunschkindordination in St. Pölten, rät dazu, nach zwei Jahren regelmäßigem Verkehr ohne Schwangerschaft zunächst einmal ein Spermiogramm des Mannes machen zu lassen: "Aber gehen Sie gleich zu einem spezialisierten Kinderwunschzentrum, nicht zu irgendeinem Wald- und Wiesenurologen". Die Samenspende ist manchen peinlich, aber die Untersuchung ist schnell und schmerzlos. Danach sollte einmal Klarheit über die Fruchtbarkeit des Mannes bestehen. Bei der Frau werden zunächst die üblichen gynäkologischen Untersuchungen und dann ein Hormonstatus durchgeführt. Dabei werden an bestimmten Tagen im Zyklus die Hormonwerte im Blut bestimmt, da ein hormonelles Ungleichgewicht die Eizell-Reifung verhindern kann. Sollte der Verdacht bestehen, dass die Eileiter blockiert sind, werden diese genauer untersucht, am gründlichsten mit einer Bauchspiegelung unter Narkose.

 

Keine Klarheit

Es ist frustrierend für viele Paare, dass auch nach gründlichen Untersuchungen nicht immer feststeht, warum die Unfruchtbarkeit besteht. Univ.-Prof. Dr. Heinz Strohmer, ärztlicher Leiter des Kinderwunschzentrums der Privatklinik Goldenes Kreuz in Wien, erklärt: "Bei etwa einem Drittel der Paare liegt das Problem beim Mann, bei einem Drittel bei der Frau und bei einem Drittel ist es unerklärlich. Gerade beim Mann ist es oft nicht feststellbar, warum er so wenige Samenzellen hat. Männliche Unfruchtbarkeit ist praktisch unerklärlich - und sie kann kaum behandelt werden". Bei den betroffenen Frauen ist das Problem manchmal leichter zu benennen: Hormonprobleme können die Eizellenreifung stören oder ein so genanntes Polyzystisches Ovar (PCO) auslösen. Die Eileiter können blockiert sein, zum Beispiel durch Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut (Endometriose). Es können Fehlbildungen in den Fortpflanzungsorganen vorliegen oder Störungen im Immunsystem. Was diese Phänomene auslöst, ist aber ebenfalls wenig bis gar nicht bekannt. Oft ist es die Kombination vieler kleiner Probleme, die es einem Paar schwer macht, ein Kind zu kriegen. Der wichtigste und am besten erforschte Faktor für die steigende Unfruchtbarkeit ist jedoch das Alter der Mütter; ab 38 sinkt die natürliche Schwangerschaftsrate rapide. Da viele Frauen erst nach Ausbildung und Berufserfahrung bereit für Kinder sind, steigen auch die Empfängnisprobleme.

 

Was tun?

Ist die Diagnose Unfruchtbarkeit mal, mehr oder weniger eindeutig, zu Papier gebracht, gilt es eine Entscheidung zu fällen. Hilft man der Natur auf die Sprünge oder nicht. Martina und Karl K.* haben sich relativ schnell dagegen entschieden: "Wir haben viel Kontakt mit Paaren, die eine IVF gemacht haben. Für die Frauen ist das eine riesige Belastung, körperlich und psychisch. Warum muss man auf Teufel komm raus die Natur vergewaltigen, wenn es da draußen so viele kleine Wesen gibt, die auf ein Zuhause warten?" Es war dem Paar auch wichtig, die Entscheidung rasch zu fällen. Denn auch der Adoptionsprozess braucht Zeit. "Über die Stadt Wien läuft das Adoptionssystem aber sehr, sehr gut", lobt Karl die Behörden. So hat sich mit der kleinen Emma bereits nach kurzer Wartezeit der Kinderwunsch der K.s erfüllt.

 

Hormone und die Folgen

"Für uns hatte die künstliche Befruchtung eine höhere Priorität als die Adoption", erzählt Hanna B. "weil es einen Unterschied macht, ein eigenes Kind zu haben. Auch die neun Monate Schwangerschaft sind eine Geschichte, die ein Kind mitbringt, die man als Adoptiveltern aber nicht kennt. Wenn ein Kind entsteht, ist das eine ganz andere Art von Liebesbeweis". Auch die W.s haben sich für das Nachhelfen entschieden, zunächst jedoch mit einer Hormontherapie und einer Insemination, also dem künstlichen Einführen des Samens in die Gebärmutter. Beides war nicht erfolgreich, im Gegenteil, Anna W. hatte aufgrund der Hormondosis mit starken Depressionen zu kämpfen. "Die Insemination war auch für nix, wie wir später erfahren haben, als wir zum Spezialisten gegangen sind", ärgert sich Ronald.


Künstliche Befruchtung

Sind die medikamentösen Fertilitätstherapien erfolglos, bleibt nur noch die künstliche Befruchtung oder In-vitro Fertilisation (IVF) beziehungsweise die Variante der ICSI (siehe Kasten). Bei beiden Methoden werden die Eierstöcke hormonell stimuliert, damit sie mehrere reife Eizellen produzieren. Danach werden diese mittels Punktion entnommen und in einer Glasschale mit dem Samen zur Befruchtung zusammengebracht. Ein bis drei Embryonen werden dann in die Gebärmutter eingesetzt - in der Hoffnung, dass sich mindestens einer dort einnistet und eine Schwangerschaft entsteht. Die ICSI ist eine neuere Variante der künstlichen Befruchtung, bei der eine Samenzelle direkt in die entnommene Eizelle gespritzt wird. "Die ICSI ermöglicht auch Paaren eine Schwangerschaft, die kaum Samenzellen haben. Das hat den männlichen Faktor hereingeholt in die künstliche Befruchtung", erklärt Heinz Strohmer.

 

Zwei Wochen

Nach dem Einsetzen der Embryonen beginnt das lange Warten. "Die zwei Wochen zwischen der Punktion und dem Schwangerschaftstest sind arg", erinnert sich Ronald W. "Am Anfang ist die Euphorie, da ist man ganz sicher, dass es jetzt klappt. Dann kommt die Unsicherheit, das Wissen, dass es eben nicht zu 100 % klappt. Es ist sehr wichtig, dass man in dieser Zeit sehr viel miteinander redet".

 

Mittelprächtige Chancen

Tatsächlich liegen die Chancen für eine IVF-Schwangerschaft bei nur ungefähr 15 bis 30%, etwas höher bei der ICSI. Im Durchschnitt brauchen die betroffenen Paare deshalb zwei Versuche der künstlichen Befruchtung, wenn es überhaupt klappt. Bei Hanna und Christoph B. war auch der vierte Versuch erfolglos. "Wir haben die Erwartungen bewusst nicht so hoch gesetzt. Einerseits zum Schutz vor einer Enttäuschung, andererseits weil es realistisch ist. Es war uns klar, dass es mehrere Versuche brauchen würde. Mit den zunehmenden Versuchen hat sich aber etwas verändert. Die körperliche Belastung und auch die Risiken haben zugenommen. Wir haben uns deshalb bewusst ein Limit von vier Versuchen gesetzt", erzählt Hanna B. "Nach dem vierten Versuch war da eine andere Art von Trauer, ein Abschied nehmen vom Kinderwunsch, eine Auseinandersetzen mit Grenzen, die zu akzeptieren sind".

 

Beim dritten Mal

Ronald und Anna W. hatten beim dritten Versuch Glück: Anna war mit Zwillingen schwanger, verlor zwar durch extremes Erbrechen viel Gewicht, brachte aber in der 38. Schwangerschaftswoche zwei gesunde Kinder auf die Welt. Mehrlinge sind im übrigen das größte Risiko bei einer künstlichen Befruchtung, weil ja meist mehrere Embryonen eingesetzt werden. Ein Risiko deshalb, weil Mehrlings-Schwangerschaften generell komplikationsreicher sind - und weil nicht jedes Paar gleich gerne mehrere Babys gleichzeitig hat. Ansonsten sind IVF-Schwangerschaften genau so komplikationslos oder -reich wie alle anderen.

 

Die Risiken

Die wirklichen Gesundheitsrisiken treten vor allem im Vorfeld der Befruchtung auf. Alexander Just: "Es passiert mehr, als man sich vorstellen kann. Es ist nicht so, dass die IVF krankheitsfördernd ist. Sie macht keinen Krebs. Aber viele Patientinnen reagieren auf die Hormone und das nicht unerheblich". Bei einer Überstimulation ist von einer starken Vergrößerung der Eierstöcke bis hin zu freier Flüssigkeit im Bauch alles möglich. Das sind Risiken und Belastungen, über die ein guter Arzt seine Patientinnen frühzeitig aufklärt.

 

Sanfte Befruchtung

Doch gerade auf diesem Gebiet entwickeln sich die Methoden der künstlichen Befruchtung weiter. "In den letzten zwei bis drei Jahren wurde die hormonelle Stimulierung zurückgenommen. Man versucht immer mehr, eine gute Balance zwischen guten Chancen und guter Verträglichkeit zu finden", ortet Heinz Strohmer den Trend.

 

Fertilitäts-Tourismus

Die Methoden entwickeln sich also weiter, Wunder können sie dennoch keine Wirken. Manche suchen ihr Heil jenseits der slowakischen Grenze, wo der Gesetzgeber noch weitere Optionen wie die Eizellenspende, die Pränataldiagnostik oder die IVF-Samenspende zulässt. Selbst für eine Leihmutter muss man heute nicht mehr bis in die USA fliegen. Oder man akzeptiert, das manche Wünsche nicht in Erfüllung gehen und denkt, wie Hanna B. es sagt, "über andere Formen nach, wie man der Welt etwas von sich hinterlassen kann".


Die wichtigsten Behandlungen

  • Hormontherapie

    Ein Ungleichgewicht im Hormonhaushalt kann bei Mann oder Frau die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Eine Hormontherapie mit Medikamenten ist aber meist nur bei den betroffenen Frauen möglich. Dabei wird der natürliche Zyklus simuliert, um die Eizellreifung und den Eisprung zu verbessern.
  • Insemination

    Nicht sehr romantisch, aber manchmal effektiv, wenn es die Spermien nicht beweglich genug sind: Der Samen des Partners werden im Labor aufbereitet und per Katheter möglichst nah an die Eizelle gespritzt.
  • In-vitro-Fertilisation (IVF)

    Auch hier werden Eierstöcke hormonell stimuliert - so stark, dass gleich mehrere Eizellen heranreifen. Diese werden bei einem kleinen Eingriff (Punktion) entnommen und in einer Glasschale mit den aufbereiteten Spermien des Partners zusammengebracht. Im Brutkasten findet dann die eigentliche Befruchtung statt. Ein bis drei der entstandenen Embryonen werden mittels eines Kunststoffschlauchs in die Gebärmutter eingebracht.
  • Mikroinjektion (ICSI)

    Die Intracytoplasmatische Spermieninjektion ist eine Ergänzung zur klassischen IVF, die besonders bei sehr geringer Spermienzahl hilft. Dabei wird auch die Befruchtung in der Glasschale nicht dem Zufall überlassen, sondern ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle injiziert.
  • MESA/TESE

    Spermien sind normalerweise leicht zu gewinnen. Selten enthält das Ejakulat jedoch gar keine Spermien. Dann können diese direkt aus dem Hoden (TESE) oder dem Nebenhoden (MESA) gewonnen werden.



Was zahlt der IVF-Fonds?

Der IVF-Fonds (und nicht die Krankenkasse direkt) übernimmt generell 70% der Kosten für IVF, ICSI, MESA/TESE (maximal vier Versuche) und die Arzneimittel, deren Einnahme während der Behandlungen notwendig sind. Inseminationen werden nicht unterstützt. Der Fonds rechnet direkt mit dem Kinderwunsch-Institut ab, das Paar bezahlt nur den Selbstbehalt von 30%.

 

Die Voraussetzungen:

  • Das Paar muss in aufrechter Ehe oder einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft leben
  • Die Sterilität des Mannes und/oder der Frau muss diagnostiziert sein, wobei nicht alle Diagnosen vom Fonds anerkannt werden. Keiner der Partner darf auf eigenen Wunsch sterilisiert worden sein.
  • Frauen müssen die Behandlung vor dem 40., Männer vor dem 50. Geburtstag beginnen.
  • Beide Partner müssen krankenversichert sein.
  • Wer nicht österreichischer Staatsbürger ist, muss eine Beschäftigung im Bundesgebiet nachweisen, die länger als drei Monate dauert.
  • Die Behandlung muss bei einem akkreditierten Kinderwunsch-Institut durchgeführt werden.

Weitere Informationen:

http://www.wunschkindordination.net/
http://www.kinderwunschzentrum.com


* Namen von der Redaktion geändert.