Essprobleme beim Baby und Kleinkind

Essprobleme beim Baby und Kleinkind
Foto: PantherMedia/joruba75 / Author: Katharina Wallner


Mona spuckt in weitem Bogen den Brei aus, Bruno mag nur Nudeln, und Felix brüllt plötzlich die mütterliche Brust an ... Essprobleme bei Babys und Kleinkindern äußern sich auf vielfältige Weise und haben unterschiedliche Ursachen. Wenn Eltern die Signale ihrer Kinder verstehen lernen, präsentiert sich die Lösung aber meist wie auf dem Silbertablett.

Essen spielt in unserem Leben eine große Rolle und erfüllt mehr als nur den Zweck der Nahrungsaufnahme. Schon Minuten nach der Geburt beginnt ein Neugeborenes zu saugen, findet seinen Weg zur mütterlichen Brust. Dieser angeborene Saugreflex sichert nicht nur unser Überleben. Saugen ist auch mit einer Form von Lustgewinn verbunden, bringt Körperkontakt, Zärtlichkeit und Geborgenheit mit sich. Essen ist also in vielerlei Hinsicht wichtig und spielt in unserem Leben eine herausragende Rolle. Im Normalfall funktioniert bei Kindern die Nahrungsaufnahme mittels Selbstregulation: Das Kind weiß von sich aus am besten, was angemessen ist. Kein Wunder, dass Eltern verunsichert sind, wenn ihr Baby plötzlich das Essen verweigert.

Nahrung  wird verweigert

Bis zu 40 Prozent aller gesunden Babys und Kleinkinder verweigern irgendwann einmal die Nahrungsaufnahme. Von einem Fütterungsproblem spricht man aber erst, wenn Eltern dies als Problem sehen und es länger als einen Monat anhält. Essprobleme sind als ein Signal des Kindes an seine Eltern zu verstehen. Das Signal, "nicht essen zu wollen", ist für sich alleine lediglich ein Anzeichen für eine Unstimmigkeit und noch keine Krankheit.

Verweigern Kinder die Nahrung, kann das auf verschiedene Weise erfolgen. Manchmal drehen sie den Kopf zur Seite, spucken Essen wieder aus, schieben den Löffel weg, erbrechen, würgen oder pressen den Mund fest zu. Die aufgenommene Menge an Nahrung wechselt zudem stark, und Eltern fällt es meist schwerer, Hunger und Sättigung zu erkennen. Wenig überraschend, dass bei ihnen ambivalente Gefühle hochkommen, wenn Essen abgelehnt wird. Die Sorge um das Wohl des Kindes steht dem Frust der liebevoll zubereiteten, aber verschmähten Mahlzeit gegenüber.

Ursachen der Essensverweigerung

In den Augen der meisten scheint erst einmal das Kind das Problem zu verursachen.
Doch das Prinzip des Fütterns basiert darauf, dass mindestens zwei Personen beteiligt sind, und bei jeder Interaktion nehmen auch alle Beteiligten Einfluss auf das Geschehen. So betrachtet, kann natürlich auch das Kind ein Problem bekommen und darauf mit Essensverweigerung reagiert haben.
Fütterungsprobleme können ganz unterschiedlicher Ursache sein. Dies reicht von körperlichen Erkrankungen über Fehlbildungen und Entwicklungsverzögerungen bis hin zu schmerzhaften Erfahrungen oder Problemen in der Eltern-Kind-Beziehung.

Verweigert der Nachwuchs Nahrung regelmäßig oder zeigt keine Lust am Essen und Trinken, sollte der erste Weg jedenfalls zum Kinderarzt führen. Wenn körperlich alles in Ordnung ist, geht es darum, die Essprobleme zu verstehen und zu lösen.

Babys Signale erkennen

Dr. Josephine Schwarz-Gerö, leitende Oberärztin der Säuglingspsychosomatik an der Wiener Kinderklinik Glanzing/Wilhelminenspital, fungiert gleichsam als Dolmetscherin.
Ihr Buch "Baby, warum isst du nicht?" ist ein wundervoller Ratgeber, der die Puzzleteilchen dieses komplexen Themas zu einem verständlichen Bild zusammensetzt. Der erste Puzzlestein stellt ein gesundes Essverhalten in den Mittelpunkt und wirft die Frage auf: Wie viel muss ein Baby essen? Der zweite Puzzlestein berücksichtigt die Entwicklung des Babys und die Lust, die eigenen Hände zu benützen. Mit der Symbolik des Essens wird der dritte Puzzlestein gesetzt, denn schließlich geht es dabei nicht nur um Ernährung, sondern auch um ein gemeinsam gelebtes Ritual: Gemeinsames Essen fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl wie kaum etwas anderes.


Familie gemeinsam beim Essen

Die Vier-Schritte Mahlzeit

Genauer betrachtet, besteht jede Mahlzeit aus vier Teilen. Zuerst wird vorbereitet, dann gekostet. Danach setzt man sich zu Tisch, um zu speisen, bis man satt ist ...

1. Das Vorbereiten:
Lange, bevor wir Erwachsene uns an den Tisch setzen, wissen wir, dass wir bald essen werden, und oft auch, was wir essen werden. Uns begleiten Fragen wie "Wann ist Mittagspause?", "Schatz, wann kommst du zum Essen nach Hause?" oder "Was gibt's denn heute?". Ein gutes Gefühl, sich so auf eine Mahlzeit vorbereiten zu können! Beim Tischdecken läuft uns bereits das Wasser im Mund zusammen, unser Körper ist bereit für die Nahrungsaufnahme und für das Verdauen. Dem Baby helfen Vorbereitungen und Ankündigungen auf die gleiche Weise. Man kann ihm das Fläschchen oder Gläschen zeigen, im stets gleichen Wortlaut mit liebevoller Stimmeankündigen, dass nun das Essen vorbereitet wird.

2. Das Kosten:
Das Vorbereiten endet mit dem Kosten. Eine kleine Kostprobe ist noch lange keine Mahlzeit und dient jungen Kinder vor allem zu einem: Sie "lesen" nun die Speisekarte und bekommen hoffentlich Appetit auf mehr. 

3. Die eigentliche Mahlzeit:
Es geht los ... oder etwa nicht? Erst wenn das Kind das auch signalisiert, sollte mit dem Füttern begonnen werden. Nun kommt es vor allem auf das passende Tempo und Pausen an und darauf, die nonverbale Kommunikation des Babys gut zu verstehen. Wendet es sich dem Löffel zu, macht es den Mund auf, schaut es die Flasche an? Oder fehlen solche Zustimmungen und das Baby braucht einfach ein bisschen länger, um jeden Bissen genießen zu können? Mit dem Prinzip des "wartenden Löffels" bestimmt das Baby die Menge der Mahlzeit, das Tempo und seine Esspausen selbst und wird nicht einem "Machtkampf" gleich von der fütternden Person gestopft. Da sich Babys unglaublich schnell weiterentwickeln, unterliegt dieser Teil der Mahlzeit auch dem größten Wandel und kann sich blitzschnell ändern.

4. Beenden der Mahlzeit:
Sattheit
von den kleinen Esspausen zwischen den Bissen zu erkennen, ist nicht immer ganz einfach. Am besten probiert man aus, ob das Kind nach einer Pause noch etwas annehmen möchte. Wenn Kinder etwas ablehnen, schauen sie meist einfach weg und schenken der Sache keine Aufmerksamkeit mehr. Das Essen ist dann zu beenden, denn Sattheitssignale sollten keinesfalls übergangen werden.
Die richtige Essensmenge ist für viele Eltern ein großer Unsicherheitsfaktor. Doch die erfahrene Babydolmetscherin nimmt auch hier den Druck heraus: "Eine lustvolle Kleinmahlzeit ist wertvoller als eine gestresste Portion nach Verpackungsvorschrift. Bei einer kleinen Mahlzeit kann das Baby eine wichtige Erfahrung machen: nämlich, dass man aufhören darf, wenn man nicht mehr mag, und Essen eigentlich doch angenehm ist. Dies ist ein erster Schritt für gesundes Essverhalten. Die entsprechende Portionengröße ergibt sich danach wie von selbst."


Mutter füttert Baby


Ein gesundes Essverhalten bei allen

Ganz wesentlich ist es für die ganze Familie, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln. Wissen, wann man hungrig ist, Essen genießen können und spüren, wann man satt ist: Das sind die drei Leitsätze dafür.
Klingt eigentlich ganz einfach, ist es aber nicht, denkt man kritisch an die eigenen Essgewohnheiten.
Was die Mahlzeiten betrifft, gibt es zudem zwischen Eltern und Kindern einen großen Unterschied. Die Eltern verfolgen mit Essen immer ein Ziel. Alles ist genau bemessen und geplant. Die Sicht des Kindes ist eine gänzlich andere. Eine Mahlzeit ist Zeit mit Vertrauten, eine neuerliche Gelegenheit, sich auszuprobieren und Spaß zu haben - Ziel haben sie keines vor Augen.


Buchtipp:

BABY, WARUM ISST DU NICHT?
Essprobleme verstehen und lösen
von Josephine Schwarz-Gerö
Parmos Verlag
ISBN 978-384360033-0
Preis: Euro 15,40


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