Frühpädagogik

Frühpädagogik
Foto: PantherMedia/Paha_L / Author: Petra Autherid


Demnächst beginnt Hannah mit dem Schwimmunterricht, ein Platz im Englischkurs ist ihr schon sicher, und selbstverständlich ist sie mit ihrer Mama regelmäßig im Pikler-Spielraum zu Gast. Hannah ist vier Monate alt. Ihre Eltern nehmen Früherziehung - ein magisches Wort in der Kindererziehung - sehr ernst. Das einschlägige Angebot ist kaum noch zu überblicken, der Andrang riesig. Am besten, so scheint's, meldet man sein Baby noch im Mutterleib an! Doch welche Förderung ist wirklich sinnvoll? NEW MOM hat einige Angebote unter die Lupe genommen.

Babygehirne haben ein unglaubliches Lernpotenzial! Kein Wunder, dass moderne Eltern ihren Kindern möglichst viel bieten wollen, um nur keine Lernchance zu verpassen. Es muss ja nicht gleich Chinesisch oder Geigenunterricht sein, aber zumindest eine Fremdsprache sollte doch ...

Spätestens seit der Diskussion um Amy Chuas Bestseller "Battle Hymn of the Tiger Mother" ("Die Mutter des Erfolgs") machen kritische Stimmen aber auch auf die Schattenseiten des Förderungswahns aufmerksam. Spielgruppen, Babyschwimmen und Früh-Englisch gehören mittlerweile fast schon zum Standardprogramm. Wie sind solche Kurse aufgebaut und was können sie bewirken?

Helen Doron Early English

Über den Geigenunterricht ihrer Kinder wurde die britische Sprachwissenschaftlerin Helen Doron auf die sogenannte Suzuki-Methode aufmerksam. Sie setzt auf das Prinzip des wiederholten Hörens. Ihr Erfinder,
der japanische Violinist Shinichi Suzuki, nennt seine Art der Musikvermittlung die "Muttersprachenmethode": Das Kind erlerne "das Sprechen der Sprache der Musik", bevor es fähig sei, sie zu lesen. Daran angelehnt entwickelte Helen Doron ihre Early-English-Kurse. Mithilfe von Musik, Bildkärtchen und Bewegungsspielen werden schon die Kleinsten mit der Sprache in Kontakt gebracht. Sie sollen Klang, Rhythmus und Struktur auf diese Weise verinnerlichen, übersetzt wird nicht. Wiederholungsphasen, in denen die Kleinen etwa zu Hause oder im Auto Lern-CDs anhören, dienen der Festigung des "Gelernten".

Angeboten für Babys ab drei Monaten, liegen die Kosten für die Kleingruppenkurse je nach Alter des Kindes und Dauer der Einheit zwischen 40 und 60 Euro pro Monat.
Die Suzuki-Methode ist allerdings nicht ganz unumstritten: Zahlreiche Lernforscher - unter ihnen die Psychologin Elsbeth Stern von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich - bemängeln, diese Methode wecke falsche Erwartungen, die Lerneffekte seien gar "vernachlässigbar". Es gebe keinerlei Anhaltspunkte, dass Kinder dadurch Vorteile beim Fremdspracherwerb hätten, eher komme es zu einer Überforderung durch Reizüberflutung.


PEKIP

In Deutschland seit Jahren populär, erfreut sich PEKiP - kurz für Prager Eltern-Kind-Programm - auch in Österreich wachsender Beliebtheit.
Bis zu acht Babys zwischen der vierten Lebenswoche und dem ersten Lebensjahr können in Begleitung von Mama oder Papa teilnehmen, die Kosten belaufen sich auf rund 130 Euro für zehnmal 90 Minuten. Das Besondere daran: Die Kleinen bewegen sich nackt im - natürlich wohlig warmen - Zimmer. Es gibt kein festes Programm, Spiel- und Bewegungsangebote werden individuell auf jedes Baby abgestimmt. So schlägt etwa die Kursleiterin der Mutter anhand eines Puppenmodells vor, wie sie das Baby bewegen könnte, etwa durch sachtes Drehen zur Seite. Diesen Vorgang ahmt die Mutter daraufhin nach. Je nach Reaktion des Babys wird der Vorgang entweder gleich wiederholt oder nach einiger Zeit ein neuerlicher Versuch unternommen. Ausgewähltes PEKIP-Spielzeug für die jeweilige Entwicklungsstufe regt zur Aktivität an -will ein Baby aber lieber gestillt werden oder schlafen, so respektiert man das. Ziel ist es, die Eltern bei der Entschlüsselung kindlicher Signale zu unterstützen, außerdem sollen der soziale Austausch sowie sinnliche und motorische Erfahrungen des Kindes gefördert werden.

Vater des PEKIP-Gedankens ist der tschechische Kinderpsychologe Jaroslav Koch. Ende der 1960er-Jahre "befreite" er die Babys von den damals üblichen Wickelpolstern. In den 1970ern erweiterten die deutsche Psychologin Christa Ruppelt und der Sozialwissenschaftler Hans Ruppelt Kochs Erkenntnisse schließlich zum Prager Eltern-Kind-Programm.
Ähnlich wie bei der frühkindlichen Sprachförderung ist ein Kritikpunkt die mögliche Überforderung der Kinder durch ein zu hohes Maß an äußerer Stimulation - vor allem, wenn die PEKIPGruppe nur einer von mehreren Förderkursen ist. Am sinnvollsten sei es Kritikern zufolge, sein Baby einfach genau zu beobachten und den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen.

Pikler-Spielraum

In den maximal sieben Kinder umfassenden begleiteten Mutter/Vater-Kind-Spielgruppen - geeignet für Kinder vom vierten Monat bis zum dritten Lebensjahr - hat der Nachwuchs die Möglichkeit, die vorbereitete Umgebung selbstständig und ohne Anleitung zu entdecken. Die vorhandenen Materialien sollen die Kinder anregen, nicht aber ihnen Aktivitäten vorgeben, wie das etwa batteriebetriebenes Babyspielzeug tut. Gespielt wird mit Tüchern, Bällen, einfachen Gegenständen aus dem Haushalt und speziell entwickelten Materialien wie beispielsweise dem Pikler-Sprossendreieck.
Möglicherweise entstehende Konflikte zwischen den Kindern - und erfahrungsgemäß bleiben die kaum aus - werden von der Spielraumleiterin begleitet. Die Eltern hingegen nehmen eine stille, beobachtende Position ein, bilden also eine "Ruheinsel" für die Kleinen. Mitteilsamer geht es bei den regelmäßig durchgeführten
Elternabenden zu, die Müttern, Vätern und Betreuerinnen Gelegenheit zum Austausch bieten. Das Konzept
geht auf die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler zurück, die 1946 ein Säuglingsheim, das Lóczy-Institut, gründete. Sie erkannte, dass Heimkinder, die von Anfang an Achtsamkeit erleben, keinerlei Hospitalismuserscheinungen zeigen.

Ausgehend von ihren Beobachtungen legte sie drei grundlegende Prinzipien für ihre Pädagogik fest:
  • Erstens solle die körperliche Versorgung des Kindes immer in kommunikativem Austausch erfolgen, so viel wie möglich möge das Kind sogar allein tun.
  • Zweitens müsse die Bewegungsentwicklung aus eigenem Antrieb und ohne dirigierende oder beschleunigende Eingriffe des Erwachsenen erfolgen.
  • Und schließlich sei dem Kind freies und ungestörtes Spielen in einer geschützten, altersgemäß gestalteten Umgebung zu ermöglichen.
Auch die Pikler-Methode ruft Zweifler auf den Plan: Manche Mütter empfinden etwa ihre zurückhaltende Position als unnatürlich. Darüber hinaus sind die von Emmi Pikler entwickelten Materialien für Pflege und Bewegung nicht gerade günstig; auch die Kosten für den Kurs selbst variieren zwischen 300 und 380 Euro pro Semester.


Babyschwimmen

Der Name lässt es schon erahnen: Angeleitet von einer Schwimmtrainerin bzw. von einem Schwimmtrainer führen Eltern in Babyschwimmkursen gemeinsam mit ihren Babys Übungen im Wasser aus. Eine Einheit dauert rund 30 Minuten. Ab dem vierten Monat kann mitgestrampelt werden, das Höchstalter sind etwa eineinhalb Jahre. Die Idee für diese nasse Art der Frühförderung wurde in den 1970er-Jahren geboren. Eine neue Tendenz in der Kindererziehung hin zu mehr Freiheit und Natürlichkeit legte nahe, dass sich Babys, die bekanntlich im Fruchtwasser heranwachsen, gerne im Wasser aufhalten. Die Beobachtung, dass Neugeborene beim Abtauchen ins Wasser reflexartig den Atem anhalten und schlangenartige Bewegungen ausführen - eine Fähigkeit, die freilich schon wenige Wochen nach der Geburt wieder verloren geht -, untermauerte die These. Durch die Übungen soll dem Kind eine gewisse Sicherheit im Wasser vermittelt werden, der Spaß an der gemeinsamen Aktivität steht aber im Vordergrund. Spaß hin oder her, das Sportbecken hat jedenfalls noch einige Jahre zu warten: Das Wasser muss beim Babyschwimmen eine Temperatur von 34 Grad und außerdem Trinkwasserqualität aufweisen. Abgesehen von der Freude an der Bewegung im warmen Wasser soll das Babyschwimmen Lunge und Muskulatur des Kindes stärken, die großflächigen Berührungsreize stimulieren zudem die unter der Haut liegenden Nervenbahnen. Die dadurch verbesserte Regulation der Muskelspannung führe, heißt es, sogar zu längerem und tieferem Babyschlaf.

All diesen positiven Aspekten zum Trotz raten Kritiker von Babyschwimmkursen ab - hauptsächlich unter Verweis auf die angeblich höhere Gefahr, sich Erreger von Infektionskrankheiten wie Mittelohrentzündungen oder Atemwegserkrankungen einzufangen. Ein weiteres Gegenargument klingt bekannt: Die Eltern-Kind-Schwimmstunden könnten Ausdruck überzogenen Ehrgeizes sein und das Kind unter Stress setzen.

Wichtig: Der Spassfaktor

Was auch immer die unterschiedlichen Frühpädagogik-Kurse fördern: Leistungsdruck darf es nicht sein. Sie sollten hauptsächlich aus einem Grund genutzt werden: aus Spaß! Spaß für Eltern und Kind! Angst hingegen - in diesem Fall vor verpassten Chancen - ist niemals ein guter Ratgeber. Wer auf den natürlichen Entdeckungsdrang des Kindes vertraut und ihm Raum und Möglichkeiten bietet, ihn auszuleben, geht sicher den richtigen Weg. Ein Frühpädagogik-Kurs kann dafür den richtigen Rahmen bieten. Ausschlaggebend ist - wie sonst auch - das richtige Maß.

Infos: