Postpartale Depression

Postpartale Depression
Foto: shutterstock/Monkey Business Images / Author: Elisabeth Sorantin


Baby ist da und Mama weint? Keine Sorge, daran sind die Hormone schuld! Manchmal entsteht aus dem ganz normalen Babyblues aber eine Postpartale Depression. Dann sind ein gutes soziales Netz, ärztliche Betreuung und medikamentöse Therapie gefragt!

Elisabeth H. liegt den ganzen Tag im Bett, daneben läuft der Fernseher. Ihr Baby versorgt sie nur mit Mühe, das Stillen macht Probleme. Frau H. ist antriebslos, hat keinen Appetit, fühlt sich überwältigt und einsam. Schlafen kann sie auch nicht mehr. Das geht schon seit Wochen so. Der Hausarzt verschreibt Beruhigungsmittel, die alles nur noch schlimmer machen. Denn Frau H. nimmt zu viel davon, um dem unentwegten Grübeln zu entrinnen, warum sie keine gute Mutter sein kann. Schließlich landet sie in der Klinik.

Diagnose: Postpartale Depression

Die Ärzte diagnostizieren eine Postpartale Depression (PPD). Sie wird fälschlich oft mit der "Wochenbettdepression" gleichgesetzt, auch "Babyblues" genannt, die bei 50 bis 80 Prozent aller Frauen zwei bis vier Tage nach der Geburt infolge des plötzlichen Hormonabfalls einsetzt. Nach ein paar Heultagen ist der Spuk vorbei, eine Behandlung nicht nötig. Allerdings: Ein schwerer Babyblues gilt als Risikofaktor für die Entstehung der Postpartalen Depression. "Alles, was länger als zehn Tage dauert, ist kein Babyblues", warnt auch Univ. Prof. Brigitte Schmid-Siegel von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Psychotherapie am AKH Wien. Im ersten Jahr nach der Geburt ist die Psyche der Mutter sehr verwundbar.

Bei jeder siebenten bis zehnten Frau kommt es denn auch zu einer PPD unterschiedlichen Schweregrades. Sie beginnt meist in den ersten Wochen, Hilfe suchen die Frauen durchschnittlich sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt. Eine von zehn betroffenen Frauen erlebt einen behandlungsbedürftigen Verlauf, eine von 100 muss gar stationär aufgenommen werden.

Noch immer bleiben aber 50 Prozent der Krankheitsfälle unentdeckt. Das sei nicht unproblematisch, so Schmid- Siegel: "Unbehandelt besteht die Gefahr der Chronifizierung".

Woran erkennt man PPD?

Neben den klassischen Symptomen einer Depression wie Niedergeschlagenheit, Unruhe oder Antriebslosigkeit, Schlaf- und Appetitstörungen und der Unfähigkeit, Lust oder Freude zu empfinden, zeigen Frauen mit PPD übertriebene Ängste um das Baby. Gleichzeitig interessieren sie sich wenig dafür. Sie fühlen sich als Versagerinnen in der Mutterrolle und leiden unter einem unablässigen Zwang zu grübeln.

Besonders gefährdet sind Frauen, die bereits an einer Depression gelitten, belastende Erfahrungen (z. B. Missbrauch) oder eine schwierige Geburt hinter sich haben. Als psychosoziale Risikofaktoren gelten mangelnde soziale Unterstützung und Partnerschaftsprobleme, eine ambivalente Einstellung zur Schwangerschaft, Armut, geringe Ausbildung oder die Belastung durch ein schwieriges Kind.
Stress und Schlafmangel können schließlich den Ausbruch der Krankheit auslösen.

Auffangnetz

Ganz allein pausenlos für einen Säugling verantwortlich zu sein, ohne berufliche Anerkennung, Abwechslung und befriedigende Sozialkontakte: Das ist Stress pur. Dazu kommt, dass meist keine Änderung in Sicht ist... Beste Vorsorgemaßnahme und essenzieller Bestandteil der Therapie von Betroffenen - übrigens können auch Karenzväter eine PPD entwickeln! - ist daher ein funktionierendes soziales Netz.

Kleinfamilien mit Müttern, die sich den ganzen Tag allein mit den Kindern wissen, sind ja eine relativ junge Entwicklung. "Aus alten Kirchenbüchern weiß man, dass früher die Säuglingssterblichkeit in jenen Familien am geringsten war, in denen die Großmütter in die Kinderbetreuung eingebunden waren", erläutert Schmid-Siegel. Vor allem, wenn es sich dabei um die eigene Mutter handelt, hat die Großmutter aber noch eine zweite, extrem wichtige Bedeutung: Sie bemuttert die Neomutter und entlastet sie.

Diese wiederum vermag die guten Erfahrungen, die sie selbst als Baby mit ihrer Mutter gemacht hat, an das eigene Kind weiterzugeben. Muttersein - ein Generationenprojekt!

Frau mit Kind weinendUngespiegeltes Kind

Wenn die Mutter an PPD leidet, dann leidet auch das Kind: Die Mutter strahlt es nicht an, spricht nicht im typischen hellen Tonfall mit ihm, berührt es nicht. So aber kann das Baby keine sichere Bindung aufbauen und nicht das Gefühl entwickeln, wertvoll und liebenswert zu sein.

Schmid-Siegel: "Die Störungen der Mutter-Kind-Beziehung können die psychische Krankheit der Mutter überdauern", heißt:  In der Folge kann es zu Bindungs- und Entwicklungsstörungen kommen.

Happy End

Wenn eine Postpartale Depression auftritt, sind die Entlastung der Mutter und psychotherapeutische Betreuung die Mittel der Wahl. Nun sind Familienangehörige und Freunde gefordert! Je nach Schweregrad der Erkrankung werden Serotonin-Wiederaufnahmehemmer verschrieben: Sie sorgen dafür, dass das stimmungsaufhellende Serotonin länger verfügbar bleibt. Damit die Frau weiter stillen kann, wird die Dosis über den Tag verteilt genommen.

Und wie hat Elisabeth H. die Krankheit bewältigt? Sie wurde mit ihrem Baby auf der Station für Peripartale Psychiatrie, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, stationär aufgenommen. Die ersten zwei Tage dort schlief sie durch, danach ging es ihr allmählich besser.

Auf Elisabeths Baby wirkten die anderen Patientinnen wie eine Großfamilie, es genoss die allgemeine Aufmerksamkeit und holte seine Defizite rasch auf. Aus dem antriebslosen Kind, das die Depression der Mutter spiegelte, wurde so der fröhlich krähende Mittelpunkt der Station.

PPD? Das hilft!

• Darüber reden! GynäkologInnen wissen Bescheid!
• Hilfe suchen, in Wien etwa beim Verein FEM (http://www.fem.at)
• Unterstützung annehmen (persönliche Hebamme, Caritas-Familienhelferin etc.)
• Hausarbeit delegieren
• Raus aus dem Haus! Babymassagekurs, Mutter-Kind oder Still-Gruppe besuchen