Schlaf, Baby, schlaf

Schlaf, Baby, schlaf
Foto: shutterstock/Mariia Golovianko


Es soll ja Babys geben, die ab der ersten Nacht durchschlafen. Wenn Sie, liebe Eltern, mit einem solchen gesegnet sind, dann seien Sie dankbar und hören Sie hier auf zu lesen. Hören Sie auch auf, Lotto zu spielen, denn wenn es eine Gerechtigkeit gibt, haben Sie bereits alles Glück aufgebraucht, das Ihnen im Leben zusteht.


Normalfall Nichtschläfer

Alle anderen dürfen wir an dieser Stelle einmal beruhigen: Sie sind in guter Gesellschaft. Dass Säuglinge nicht gleich durchschlafen ist der Normalfall. Wobei sich zunächst einmal die Frage stellt, was dieser ominöse Begriff überhaupt bedeutet. In der Fachliteratur findet sich die Definition, Durchschlafen bedeute sieben Stunden am Stück zu schlafen. Geringer Trost für die Eltern jener Kinder, die von acht bis drei in der Früh durchschlafen und dann erstmal Party feiern wollen. Tatsächlich entscheidet mehr die Wahrnehmung der Eltern als das Schlafverhalten des Kindes, ob man von Durchschlafen sprechen kann. Das bestätigt auch die Expertin Dr. Katharina Kruppa von der Baby-Care-Ambulanz des Preyerschen Kinderspitals: "Manche Eltern erleben es als durchschlafen, wenn das Baby nur zweimal in der Nacht trinkt. Andere Eltern sagen, mein Kind schläft absolut nicht durch, wenn es sieben Stunden am Stück schläft".

 

REM oder Nicht-REM

Tatsächlich ist "Durchschlafen" der falsche Begriff. Alle Kinder, wie auch die Erwachsenen, wachen mehrmals pro Nacht auf. Wir schlafen nicht am Stück, sondern in mehreren Schlafzyklen, die wiederum aus mehreren Schlafphasen bestehen. Wir beginnen einen Zyklus mit Traumschlaf oder REM-Schlaf (REM: Rapid Eye Movement, Schnelle Augenbewegung), fallen in den tiefen Non-REM-Schlaf, träumen wieder und wachen am Ende des Zyklus kurz auf, um dann wieder in den nächsten zu dämmern. Bei Erwachsenen dauert ein solcher Zyklus bis zu zwei Stunden. Bei Neugeborenen nur rund 50 Minuten. Wir verbringen etwa ein Viertel unserer Schlafzeit im leichten REM-Schlaf, Babys fast die Hälfte. Kein Wunder, dass die Kleinen öfter mal wach werden. Der Unterschied zwischen Nachtvögeln und Langschläfern ist einfach, dass letztere selbst wieder einschlafen.

 

Alles wird gut

Aber was tun, wenn sie das nicht schaffen? Abwarten ist eine Möglichkeit, zumindest solange die Eltern mit ihrem eigenen, veränderten Nachtrhythmus zurecht kommen. Statistisch gesehen schlafen bis zum 3. Monat 70 % aller Kinder, 90 % bis zum 5. Monat. Innerhalb der ersten Wochen finden auch fast alle Babys einen Tag-Nacht-Rhythmus, schlafen also in der Nacht zumindest mehr als am Tag. Die Entwicklung des Babys arbeitet also für den guten Nachtschlaf.

 

Ferber vs. Sears

Nach wochen- und monatelangem Schlafentzug, nach Dutzenden Nächten, in denen man alle ein, zwei Stunden auf war, um sein Kind zu stillen, zu wiegen und herumzutragen, können Eltern aber verständlicherweise nicht mehr einfach warten. Sie wollen ihrem Kind helfen, besser zu schlafen. Wie das am besten geht, darüber streitet sich die Fachwelt. Vorreiter zweier Philosophien, die gegensätzlicher nicht sein könnten, sind zwei amerikanische Ärzte, Dr. William Sears und Dr. Richard Ferber. Sears betont, dass ein Baby die körperliche Nähe zu den Eltern zum Einschlafen braucht. Kinder gehören für ihn ins Bett der Eltern, sie sollen an der Brust von Mama oder auf Papas Schultern einschlafen. Mit viel Liebe und Nähe schlafen Kinder vielleicht nicht schneller durch, aber dafür schneller und ruhiger wieder ein. Ferber hat nichts gegen das Stillen oder herumtragen, für ihn sollten Kinder jedoch beim Einschlafen davon unabhängig sein. Babys sollen im eigenen Bettchen schlafen und nach einem ausgiebigen Schlafritual noch wach hinein gelegt werden. Schreiende Kinder sollen mit beruhigt, aber nicht mehr herausgenommen werden. So lernen sie laut Ferber, sich selbst zu beruhigen. Was Sears wiederum kritisiert, weil er die vertrauensvolle, schützende Verbindung zwischen Mutter und Kind gefährdet sieht.

 

Schlafen lernen

Bekannt geworden ist Dr. Ferber durch sein so genanntes Schlaftraining. Frühestens nach einem halben Jahr, besser später kann es begonnen werden. Dabei gehen die Eltern nach dem Schlafenlegen aus dem Kinderzimmer und erst nach einigen Minuten wieder hinein, wenn das Kind schreit. Dabei soll dem Kind ganz ruhig gesagt werden, dass es nicht allein ist, aber alleine einschlafen kann. Die Intervalle werden dann stetig verlängert, bis das Kind besser schläft, was normalerweise nach drei, vier Nächten der Fall ist. Die Methode ist zwar effektiv, hat aber viele Kritiker und ist auch nur dann anzuwenden, wenn die Eltern wirklich verzweifelt sind. Sonst findet man kaum die Kraft und Konsequenz, sein eigenes Kind schreien zu lassen, wenn auch in kontrolliertem Rahmen.

Aufschreiben hilft

In jedem Fall hilfreich ist es, ein Schlafprotokoll zu führen. Eltern notieren darauf, wann ihr Baby schläft, isst und schreit. Damit können sie zum einen feststellen, wie viel Schlaf ihr Kleines in 24 Stunden braucht - auch das kann im ersten Halbjahr zwischen rund 8 und 20 Stunden variieren - und wie er sich verteilt. Das hilft manchmal dabei, sich auf den Rhythmus des eigenen Kindes einzustellen - oder dort sanft einzuwirken, wo er sich mit dem eigenen Rhythmus nicht so gut verträgt. Denn auch ein vorverlegtes Nachmittagsschläfchen kann manchmal Wunder wirken.


Tipps:

Tragetuch

In einem gut gebunden Tragetuch finden Babys alles, was müde macht: Nähe zur Mama, Wärme, Begrenzung und Wiegen. Sie beim Herausnehmen nicht aufzuwecken ist schwieriger, aber bei den meisten Bindetechniken möglich. Am besten das Baby mit dem Tragetuch seitlich ablegen, den Knoten lockern und es langsam auf den Rücken rollen, damit das Kind nicht aufschreckt.

 

Summen und Brummen

Aus dem Mutterleib sind sich Babys das Hintergrundrauschen des Blutkreislaufs gewohnt. Auf viele Säuglinge wirkt es ungemein beruhigend, wenn der Staubsauger dröhnt oder der Geschirrspüler plätschert. Andere bevorzugen es, wenn Mama summt oder Papa sich im Obertongesang versucht. Suchen Sie die Frequenz, bei der das Baby in den Schlaf schwingt!

 

Schmusetuch

Schnuller gehen leicht verloren, ein Schmusetuch hingegen ist schnell wieder gefunden. Das Baby kann daran nuckeln, sich damit zudecken und sich rankuscheln. Manchmal hilft es, wenn die Mama das Tuch eine Nacht  zu sich ins Bett nimmt, damit auch der Geruch vertraut ist.

 

Gymnastikball

Die bequeme Alternative zum Herumtragen. Auf dem Ball zu hüpfen regt das Gleichgewichtsorgan des Babys an, was die meisten beruhigt. Mit der Zeit geht das auf die Wadeln, aber warum soll man nicht gleich die eigenen Muskeln mittrainieren?

 

Pucken

Gerade Babys, die sich schlecht beruhigen, brauchen Begrenzung. Ein gemütliches Nestchen im Bett kann helfen. Neugeborene genießen es auch oft, wenn ihr ganzer Körper fest in ein Tuch gewickelt wird, wenn sie also gepuckt werden.

 

Tiefschlaf

Wenn das Baby herumtragen und es oft aufschreckt, legen Sie es erst nieder, wenn es bereits im Tiefschlaf ist. Sie merken das daran, dass das Kind schwerer zu werden scheint. Es atmet ganz tief, seufzt und lässt Arme und Beine schlaff hängen. Jetzt weckt kein Donnerschlag das Kind auf, Sie können es ruhig ablegen.

 


Literaturtipps:

Katharina Kruppa u. Astrid Holubowsky :Babys wissen, was sie brauchen. Und Eltern auch.

Christine Rankl: Einschlafen – (k)ein Kinderspiel