SIDS - Der heimliche Tod

SIDS - Der heimliche Tod
Foto: shutterstock/osmanpek33


"Ich war im selben Raum, als es passiert ist. Ich bin neben dem Bettchen gestanden, habe das Tragetuch angelegt, als mein Kind aufgehört hat zu atmen. Es war lautlos, ganz leise. Dann habe ich intuitiv etwas gemacht: Ich habe es verabschiedet. Ich habe es so lange gehalten, bis es eine steife Puppe war. Es war noch warm, als wir im Spital waren. Aber ich wusste längst: Mein Kind ist tot".

Unbegreifliches Sterben

Auch 24 Jahre nach dem plötzlichen Tod ihres Babys erzählt Mag. Maria S. Tischler von jenem Moment, als wäre er gestern gewesen. Es passierte einen Tag nach der Routineuntersuchung beim Kinderarzt, der nur festgestellt hatte, dass das Kind wunderbar entwickelt ist. Seine Reaktion auf die Nachricht war so hilflos wie jene der Eltern: "Das gibt es nicht!" Weder ihn noch die Eltern noch sonst irgendwen trifft eine Schuld. Denn gerade das ist das Schreckliche des "Sudden Infant Death Syndrom" (kurz SIDS oder zu Deutsch "plötzlicher Säuglingstod"): Der Tod kommt ohne Vorwarnung, schnell, lautlos, und er trifft scheinbar völlig gesunde Kinder.


Hilfe zur Selbsthilfe

Heute hat Maria Tischler zwei gesunde, erwachsene Kinder und hilft als Psychotherapeutin in ihrer Praxis auch Eltern, die dasselbe durchmachen mussten. Gleichzeitig ist sie Vorsitzende der Selbsthilfeorganisation SIDS-Austria Wien, die einerseits betroffenen Eltern in ihrer Trauer begleitet, andererseits die Öffentlichkeit und die medizinische Fachwelt für das Thema plötzlicher Säuglingstod sensibilisiert. Das erklärte Ziel ist und war, durch präventive Maßnahmen die SIDS-Fälle in Österreich stark zu verringern.


Erfolg durch Prävention

Der Erfolg dieser Informationskampagne war dramatisch. Gab es 1989 in Österreich noch 146 Fälle von SIDS, waren es im Jahr 1994 noch halb so viele. 2006 starben insgesamt 26 Babys am plötzlichen Säuglingstod, also mehr als fünf Mal weniger als 17 Jahre davor. Statistisch gesehen sterben heute in Österreich vier von 10.000 Babys an SIDS. Der plötzliche Säuglingstod ist also bei uns so selten geworden, dass sicher niemand in Panik ausbrechen muss.


Ein Phantom

Die dramatischen Rückgänge der Todesfälle sind ganz offensichtlich der intensiven Präventionsarbeit zuzuschreiben. Das ist insofern erstaunlich, als bis heute keiner genau weiß, was SIDS verursacht. Der plötzliche Säuglingstod ist ein medizinisches Phantom, eine reine Ausschlussdiagnose. Wenn ein Baby stirbt, ohne dass (bei der Obduktion) eine Ursache dafür gefunden werden kann, dann wird SIDS diagnostiziert. Es ist noch nicht einmal eindeutig, ob es überhaupt eine gemeinsame Ursache für das Syndrom gibt. Genau so gut könnte es sein, dass die betroffenen Babys aus unterschiedlichen ungeklärten Gründen sterben.


Wissen dank Statistik

Dennoch hat die genaue Untersuchung jedes Falles der vergangenen zwei Jahrzehnte viel gebracht: Dank statistischer Daten konnten die wichtigsten Risikofaktoren identifiziert werden. So wurden die Kinder signifikant häufiger in Bauchlage, stark verschwitzt und oft ganz überdeckt aufgefunden. Ebenso häuften sich die SIDS-Fälle bei rauchenden Eltern. Als Risikogruppen bei den Säuglingen wurden Frühchen, Mehrlinge, alle anderen Babys mit geringem Geburtsgewicht und jene Kinder, die besonders viel Stress ausgesetzt sind, identifiziert. Manchmal senden gefährdete Kinder auch Warnsignale: Wenn es zu längeren Pausen beim Atmen kommt, das Kind im Gesicht blau anläuft, sehr blass ist, stark schwitzt oder auffällig ruhig bzw. auffällig unruhig ist, ist ein Besuch beim Arzt angezeigt. Ganz eindeutig ist auch die Zeitspanne, in der das größte Risiko besteht: Rund 80% aller SIDS-Fälle ereignen sich in den ersten sechs Lebensmonaten, am häufigsten tritt das Syndrom im zweiten bis vierten Lebensmonat auf. Nach dem ersten Geburtstag sinkt das Risiko fast auf Null. 


Präventionsmaßnahmen

Dementsprechend klar und einfach sind die Botschaften der Präventionskampagne: Passivrauchen ist für einen Säugling auch in dieser Hinsicht potenziell tödlich. Babys sollten, besonders während des ersten Lebensjahres, auf einer flachen Unterlage, ohne Polster oder dicke Decken und nicht zu warm angezogen in einem gut belüfteten Raum schlafen. Rund 18 Grad ist eine ideale Temperatur fürs Babyschlafzimmer. Statt einer Decke bietet sich ein Schlafsack an: Das Kind kann sich weder frei strampeln noch überdecken; es fällt ihm zudem schwerer, sich auf den Bauch zu drehen. Die meisten Ärzte empfehlen, das Kind im Elternschlafzimmer, aber im eigenen Bettchen schlafen zu lassen. Die Nähe zum Baby gibt Eltern und Kind Sicherheit. Auch das Stillen ist eine gute SIDS-Prävention, einerseits durch die so vermittelte Nähe und Geborgenheit, anderseits durch die in der Muttermilch enthaltenen schützenden Antikörper. Seit dem Jahr 2006 ist in Österreich auch der Schnuller auf die Liste der präventiven Maßnahmen aufgenommen worden, basierend auf Studien der US-amerikanischen Kinderärztekammer.


Nicht zu verhindern

Diese Maßnahmen sind zum Glück heute wohl bekannt, was zum dramatischen Rückgang der Todesfälle durch SIDS geführt hat. Dennoch konnte der plötzliche Säuglingstod bisher nicht ausgerottet werden. Im Einzelfall, jenseits der Statistik, ist er trotz einer idealen Umgebung, trotz fehlender Risikofaktoren nicht zu verhindern. Auch nicht durch konsequentes Monitoring. Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Herz-Atem-Monitore oder Bewegungsmelder die Häufigkeit der SIDS-Fälle verringern könnten. Doch es gibt immer wieder Eltern, die von offenbar lebensrettenden Alarmfällen berichten: Wenn das Gerät eine lange Atempause registriert, sorgt ein schriller Ton dafür, dass der Säugling vor Schreck tief einatmet.


Pro und Contra Monitor

Der Wiener Kinderarzt und Experte im Fratz.at-Forum Dr. Georg Maiwald verschreibt solche Monitore dann, wenn die Eltern dadurch an Sicherheit gewinnen. Er weist aber darauf hin, dass diese Geräte nicht immer die gewünscht Wirkung haben: "Es muss klar sein, dass es zu vielen Fehlalarmen kommen wird. Wenn das Monitoring schlecht läuft, wenn alle schlecht schlafen, dann muss man das auch wieder absetzen".Maria Tischler hatte bei ihrem dritten Kind einen Herz-Atem-Monitor im Einsatz: "Ich nenne es die Regenschirm-Methode: Es ist gut, einen dabei zu haben. Wenn er Sicherheit gibt, ist der Monitor immer positiv. Aber er ist nie besser als die eigene Wahrnehmung". Auch Georg Maiwald betont, dass die Maschine niemals die guten Antennen einer Mutter ersetzen kann: "Man muss schon an das Gefühl der Mutter appellieren, dass sie auch an die Gesundheit ihres Kindes glaubt. Jede Mutter ist mit ihrem Säugling verbunden. Sie muss ihm auch vertrauen".


Sensibilisierte Medizin

Die offene Monitor-Debatte demonstriert eine weitere Errungenschaft der SIDS-Infokampagnen: Wenn sich Eltern Sorgen um ihre Babys machen, obwohl kein medizinischer Befund vorliegt, werden sie heute von den MedizinerInnen ernst genommen. Jedenfalls eher als noch vor 20 Jahren. "Man darf als Arzt Eltern nicht einfach beschwichtigen", bestätigt auch Dr. Georg Maiwald.


Weiterleben

Mindestens so wichtig ist aber, dass jene Eltern, deren Baby trotz aller Maßnahmen an SIDS stirbt, nicht allein gelassen werden. Gerade Selbsthilftegruppen wie SIDS-Austria helfen, "zu erfahren, dass es einen nicht allein betrifft. Es gibt andere, die ein ähnliches Trauma erlitten haben. Das ist ein Entlastungsfaktor. Dadurch kommt man aus der Selbstzerfleischung, aus den Schuldgefühlsschleifen heraus", sagt Maria Tischler. "Die Dramatik von SIDS ist, dass man keine Chance hat, etwas zu tun. Es kommt unvorhergesehen, plötzlich und endgültig. Es gibt keine Zeit für einen Abschied. Das macht einen in dem Moment so hilflos". Nur mit der Hilfe von Freunden, Familie und SchicksalsgenossInnen können betroffene Eltern es überhaupt schaffen, irgendwie weiterzumachen. Und dem verlorenen Kind einen Platz im eigenen Leben zu geben. So steht im Lebenslauf von Maria Tischler bis heute: drei Kinder. Ihr erstes lebt zwar nicht mehr, es wird aber nicht totgeschwiegen.

 

SIDS-Selbsthilfegruppen

SIDS Austria - Wien
Mag. Maria Tischler
Eduard-Jägergasse 5
1130 Wien
Tel. 01 504 53 91
http://www.praxis-tischler.at

SIDS Austria Steiermark
Ing. Isolde Bachler
Physiol. Intitut Univ. Graz
Harrachgasse 21/5
8010 Graz
Tel. 0316 380 42 89
http://www.sids.at


SIDS Austria Tirol
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Anichstraße 35, 6020 Innsbruck
Tel. 0512 – 504 / 23 498
Herr Wurzreiner
Tel. 0664 200 52 06
www.sids.at/sids_austria_tirol.html