Tragehilfen

Tragehilfen
Foto: Shutterstock/Crystal-Kirk / Author: Eva Sorantin


Ob bäuchlings oder huckepack - das 1 x 1 des richtigen Tragens


Biologisch gesehen ist der Mensch ein Tragling. Daran können auch ein paar Jahrzehnte Kinderwagen nichts ändern. Was für Afrikanerinnen babyleicht scheint, ist für uns Europäerinnen jedoch eine Wissenschaft: Welche Tragehilfe ist die richtige? Was bedeutet "Spreiz-Anhock-Haltung"? Und wie bindet man bitteschön ein Tragetuch?


Die Zeiten, da Passanten mitleidig den Kopf schüttelten, wenn sie ein Baby im Tragetuch erspähten, sind gottlob vorüber. Mittlerweile ist das Tragen von Babys nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern wird geradezu eingefordert, erfüllt es doch die natürlichen Bedürfnisse eines kleinen Menschenkindes.


Unbestritten sind die vielen Vorteile, die das Tragen bietet. Völker, bei denen man die Kinder eng an den Körper bindet, kennen kaum Hüftfehlstellungen: Schließlich fördert die Haltung, die das Kind - richtig getragen - einnimmt, die Hüftentwicklung. Zudem wirkt der enge Körperkontakt beruhigend, Bauchschmerzen werden durch die sanfte Bewegung gelindert, und - nicht zu unterschätzen - Mama oder Papa haben beide Hände frei.



Welche Babytrage ist die richtige?


Nicht allen Eltern ist jedes Modell sympathisch, und Babys haben sowieso ihren eigenen Willen. Wie also zum passenden Stück gelangen? Zunächst ist es - neben der korrekten Handhabung - wichtig, dass man gut damit zurechtkommt. Kaum ein Baby akzeptiert ewiges Herumgewurstel ohne ohrenbetäubendes Geschrei. Auch wenn der Rest im Wesentlichen eine Frage des Geschmacks ist, gibt es doch einige Anforderungen, die Tragehilfen auf jeden Fall erfüllen sollten:


  • Da die Rückenmuskulatur von Säuglingen noch nicht stark genug ist, muss man speziell beim senkrechten Tragen darauf achten, dass die Tragehilfe eng am Rücken des Babys anliegt und gut stützt. Das Baby darf weder zur Seite kippen noch in sich zusammensacken.

  • Der Rückenteil einer Tragehilfe muss den - bei Babys unverhältnismäßig großen - Kopf gut stützen. Keinesfalls darf das Babyköpfchen im Schlaf nach hinten oder zur Seite kippen.

  • Die Tragehilfe sollte in Länge und Weite möglichst stufenlos verstellbar sein, um sich optimal an das wachsende Kind anzupassen.

  • Um eine anatomisch korrekte Spreiz-Anhock-Haltung zu ermöglichen, sollten die Beinöffnungen zur Seite und nach vorne, keinesfalls jedoch nach unten zeigen. Bei der Spreiz-Anhock-Haltung, die Neugeborene und Babys typischerweise aufweisen, sind die Hüftgelenke nach vorne orientiert, die Oberschenkel ungefähr im 60- bis 90-Grad-Winkel zueinander gespreizt und in einem Winkel von 90 bis 110 Grad nach vorne oben angehockt. Diese natürliche Haltung nimmt ein Baby ein, wenn man es hochhebt. In der Tragehilfe sollte der Popo des Babys daher stets auch etwas niedriger als die Knie positioniert sein.

  • Um diese Spreiz-Anhock-Stellung zu unterstützen, darf der Steg zwischen den Beinchen des Babys nicht zu schmal sein. Eine Faustregel: Er sollte ungefähr von Kniekehle zu Kniekehle des Babys reichen!

  • Achten Sie auf das Material der Tragehilfe: Es sollte weder zu nachgiebig noch zu steif und jedenfalls frei von Schadstoffen sein. Auf keinen Fall darf es das Baby irgendwo einschneiden.


No-Gos bei Babytragen


Auch wenn viele Hersteller von Tragehilfen dies propagieren: Das Baby sollte generell nicht vor dem Bauch mit dem Gesicht nach vorne getragen werden. Diese Position verursacht ein unphysiologisches Hohlkreuz; zudem werden die Beinchen unnatürlich gestreckt, was sich wiederum ungünstig auf die Hüftentwicklung auswirken kann. Einzige Ausnahme: Der Ergobaby 360 ist vollkommen neuartig konzipiert - und zwar so, dass man das Baby auch mit dem Gesicht nach vorne in einer Position tragen kann, die selbst Trageberaterinnen zufriedenstellt. Allerdings brauchen gerade kleine Babys den Blickkontakt zum Tragenden, um dessen Reaktion, etwa auf laute Geräusche, mitzubekommen. Deshalb empfiehlt der Hersteller von Ergobaby 360 das Tragen in "Fahrtrichtung" auch erst für Babys ab fünf Monaten ... und nicht mehr als 15 Minuten am Stück, um einer möglichen Reizüberflutung vorzubeugen. Im Alltag werden ohnehin die Eltern selbst die Bedürfnisse und individuellen Vorlieben ihres Babys am besten einschätzen können.

Untersuchungen haben übrigens ergeben, dass die meisten Tragetücher und Babytragen nicht korrekt verwendet werden. Die Investition in eine professionelle Trageberatung macht sich daher bezahlt: So ist sichergestellt, dass Ihr Baby richtig in seiner Tragehilfe sitzt oder liegt und die Vorteile uneingeschränkt auskosten kann!



Fraeulein Hübsch Babytrage
Foto: Fräulein Hübsch

Die Klassische asiatische Tragehilfe "MEI TAI" wird auch hierzulande immer beliebter.


UNIVERSALGENIE:

Unter allen Tragehilfen stellt das Tragetuch die universellste Variante dar. Ob Wiegehaltung, Bauch-, Hüft- oder Rückentrage: Ein Tragetuch macht so gut wie alles mit ... und kann außerdem vom ersten Lebenstag bis etwa zum dritten Lebensjahr verwendet werden. Nachteil: Man braucht etwas Übung und Geduld beim Binden. Tragetücher gibt es in unzähligen Designs und Qualitäten - viel Spaß bei der Auswahl!



Finside Babytrage
Foto: Finside


DAMIT AUCH MAMA ES WARM HAT
Tragen stellt in der warmen Jahreszeit kleidungstechnisch ja keine besondere Herausforderung dar. Bei Regen oder Schneefall sieht das schon anders aus. Darum bietet die finnische Funktionsmarke "Finside" spezielle Jackenerweiterungen für Tragemütter an.



Easycare Klassisch Tragetuch
Foto: Easycare


TRAGETÜCHER SIND ALLESKÖNNER
Mit etwas Geschick und Übung lässt sich damit jede Tragemöglichkeit umsetzen




Foto: Ergobaby


RUNDUM ZUFRIEDEN!
Der innovative Ergobaby 360 ermöglicht vier Tragepositionen: vor dem Bauch, auf dem Rücken, im Hüftsitz und mit dem Gesicht nach vorne in "Fahrtrichtung". Die spezielle Konstruktion des Ergobaby 360 ermöglicht auch in der "Gesicht nach vorne"-Variante eine korrekte Position des Babys, ohne dass es ins Hohlkreuz rutscht. 




Bondolino Hoppediz
Foto: Hoppediz


ANEINANDER GEBUNDEN
Der Bondolino ist eine gelungene Mischung aus Tragetuch und Komforttrage: Wie der Name schon vermuten lässt, verfügt er über keine Schnallen oder Ähnliches - die Träger werden vielmehr ganz einfach gekreuzt und in der Taille zusammengebunden. Der Hüftgurt funktioniert mit Klettverschluss. Das einfache Handling schließt eine fehlerhafte Handhabung eigentlich aus. Ideal auch bei mehreren Tragepersonen!



TRAGETUCH-ABKÖMMLINGE


Aus dem Tragetuch haben sich verschiedene Varianten entwickelt, beispielsweise der Ring-Sling. Dabei lässt sich das Tuch mithilfe von Ringen zu einer "fertigen" Tragehilfe umwandeln und nach Bedarf mühelos straffziehen oder lockern.

TragMich-Hüftsitz
Foto: TragMich


GUT GEPOLSTERT
Das Ringtuch "Tragmich" ist an den richtigen Stellen gepolstert und daher sehr bequem. Durch das Zwei-Stoff-System lässt es sich besonders leicht handhaben.




Babytuch
Foto: Babytuch


BABYTUCH OHNE KNOTEN UND WICKELN
Möglich wird das durch eine einfache Schlinge ... ideal für Eltern ohne großes Bindetalent! Achtung: Für die Kreuztrage werden zwei Babytuch-Schlingen benötigt. 


MISSING LINK

Das Missing Link zwischen Tragetuch und Komforttragen stellen die in Europa immer beliebteren asiatischen Mei Tais und die sogenannten WrapCons dar: Diese weichen Tragehilfen, die aus Tragetuchstoff gefertigt sein können, lassen sich einfach und gut anpassen und kommen teilweise ganz ohne Schnallen aus.



Babylonia Mei Tai Tragetuch
Foto: Babylonia


DER "MEI TAI"
kann auch auf dem Rücken getragen werden.



DREI UNWAHRHEITEN ÜBER DAS TRAGEN VON BABYS 


  1. "Das Baby bekommt im Tragetuch schlecht Luft!"
    Falsch! Untersuchungen haben nachgewiesen, dass Babys im Tragetuch vollkommen normal atmen.

  2. "Langes Tragen in einem Tragetuch oder einer Komforttrage schadet dem Rücken des Babys!"
    Falsch! Durch das Tragen wird ganz im Gegenteil die gesunde Hüftentwicklung gefördert. Ist das Tragetuch korrekt gebunden oder wird eine geeignete Tragehilfe ordnungsgemäß verwendet, ist der Rücken des Babys gut geschützt.

  3. „Durch häufiges Tragen wird das Baby verwöhnt“
    Falsch! Getragen zu werden ist ein Grundbedürfnis des Säuglings. Durch die Befriedigung seiner natürlichen Urinstinkte kann man ein Baby nicht verwöhnen!


Infos:

www.trageschule.at

www.babytragen.net

Buchtipp:

"Ein Baby will getragen sein", Evelin Kirkilionis.

Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens.

Kösel Verlag

ISBN 978-3-46634-408-6


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