AD(H)S - keine "Kinderkrankheit"!

AD(H)S - keine "Kinderkrankheit"!
Foto: Shutterstock/www.BillionPhotos.com / Author: Katharina Wallner


Mit Philipp wird es niemals langweilig: Sportlich, unbekümmert und unternehmungslustig ist dieser Mann, so die Autorin dieses Beitrages, "eine verführerische Mischung und meine große Liebe". Die Kehrseite: Unzuverlässigkeit und spontane Planänderungen stehen ebenso auf der Tagesordnung. Philipp hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Die Diagnose brachte Klarheit ... und schließlich Entlastung. Wie erkennt man AD(HS) im Erwachsenenalter? Was sind die alltäglichen Stolpersteine? Und welche Therapieansätze gibt es?

Solange die rosarote Brille nicht verrutscht, sehe ich einen unkonventionellen Kreativen mit tollen Ideen und Abenteuern im Kopf. Einen fröhlichen Freigeist, der seine Träume lebt und mit dem es niemals langweilig werden kann. Doch unser Alltag ist nicht immer einfach. Denn Philipp hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Ob in Gesprächen oder bei der Arbeit: Erwachsenen mit ADHS fällt es schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sie verlieren häufig den roten Faden, alles erscheint gleich wichtig, Ablenkungen und Tagträume sind stets willkommen. 

Das Chaos hat einen Namen
Lange Zeit wussten wir nicht, dass man das Chaos, das in unserem Leben herrschte, konkret benennen könnte. Ich war zunehmend genervt von der Spur der Verwüstung, die sich durch die Wohnung zog, von Stapeln ungeöffneter Post, losen Akten und nicht bezahlten Rechnungen. Vergessene Termine, Frust, wieder einmal versetzt worden zu sein ... Ich kam mir wie die Ersatzmutter meines Mannes vor. Als Philipp schließlich seinen Job verlor und unter massiven Schlafstörungen litt, drohte unsere Beziehung zu zerbrechen. Gemeinsam gingen wir zu einem Therapeuten, der schließlich die Diagnose ADHS stellte. Philipps hohe Risikobereitschaft, die Energieschübe, Wahrnehmungs-, Schlaf-, Konzentrations- und Impulskontrollstörungen sowie seine unerklärliche innere Anspannung hatten plötzlich einen Namen. Die Diagnose war eine wohltuende Entlastung für unsere angeknackste Beziehung und der erster Schritt in Richtung Therapie.

Vielfalt anstatt Einfalt 
In einer multimodalen Therapie haben wir schließlich gelernt, gemeinsam neue Wege zu gehen. Dieser Ansatz sieht ein Potpourri aus verschiedenen Maßnahmen vor. Parameter für die Notwendigkeit und den Umfang der therapeutischen Schritte ist meist der individuelle Leidensdruck. 
Was steht zur Wahl? Mittels Verhaltenstherapie und Coaching können Strategien entwickelt werden, die Strukturen ins Leben bringen und den Alltag besser meistern lassen. Psychotherapie, Medikamente und auch Nahrungsergänzung zur Verbesserung der Hirnleistung bieten sich ebenfalls als Teil der Therapie an. Entsprechende Medikamente helfen, Reize zu filtern, um sich besser auf seine Aufgaben konzentrieren zu können. 

Nicht nur Kinder betroffen 
ADHS und ADS - Aufmerksamkeitsdefizit-Störungen mit oder ohne Hyperaktivität - sind also keine "Kinderkrankheit"! Viele der davon betroffenen Kinder und Jugendlichen behalten die Störung auch im Erwachsenenalter bei - die Krankheitshäufigkeit im Erwachsenenalter wird mit bis zu vier Prozent angegeben. Übrigens: Während Buben häufiger erkranken als Mädchen, schaffen im Erwachsenenalter die "Chaosprinzessinnen" den statistischen Ausgleich.

Immer in Bewegung 
Im Erwachsenenalter nimmt die bei Kindern typische Hyperaktivität meist einen veränderten Charakter an. Schließlich darf ein Erwachsener nicht zappelig wirken, vorlaut das Wort an sich reißen oder überall hinaufklettern. Hyperaktivität im Erwachsenenalter findet ihren Ausdruck in Unruhe, die sich in großer sportlicher Aktivität oder in "nervösen" Übersprungshandlungen äußern kann. Wenn diese Ventile nicht gefunden werden, kann es zu Stimmungsschwankungen und Wutausbrüchen kommen.

Verbergen kostet Energie
Erinnern Sie sich an Hans Guck-in-die-Luft? Er träumt vor sich hin, vertrödelt den Tag und hat oft kaum etwas von dem erledigt, was er sich vorgenommen hat. Seine Störung zeigt ein etwas anderes Bild des Aufmerksamkeitsdefizits, dem das "H", die Hyperaktivität, fehlt. Diagnose: ADS.
Apropos Diagnose: Diese ist bei Erwachsenen noch schwieriger zu stellen, weil sie viel Anstrengung aufwenden, um mögliche Auffälligkeiten zu verbergen. Typische Leitsymptome sind oft nicht mehr vorzufinden. Die Betroffenen werdend daher oftmals mit anderen Krankheitsbildern in Verbindung gebracht: Depressionen, Angst- und Essstörungen, Störungen des Selbstwertgefühls oder soziale Phobien zählen dazu. 

Ganz der Papa
Da die Erkrankung eine genetische Komponente hat, sind häufig sowohl ein Elternteil als auch eines oder mehrere Kinder betroffen. Infolge der eigenen Desorganisation im Alltag fällt es in der Elternrolle oftmals schwer, verbindliche Regeln aufzustellen; der Erziehungsstil erscheint inkonsequent. Dieses Umfeld erschwert Lernen - umgekehrt wäre es aber gerade für ADHS-Kinder sehr wichtig, Fähigkeiten für die Selbstständigkeit zu erlernen: Wie teile ich mir meine Zeit ein? Welche Ordnungssysteme sind hilfreich? Wie schmiede ich Pläne und halte diese auch ein?
Betroffene Kinder und Jugendliche hingegen, die in sehr strukturierten Verhältnissen aufgewachsen sind, werden oft ohne Diagnosestellung erwachsen. Erst wenn die gewohnte Struktur wegfällt, gerät alles aus den Fugen: Die Wohnung gleicht einem Schlachtfeld, das Konto ist überzogen, im Kühlschrank gähnende Leere, eine Beziehung nach der anderen scheitert, und das Studium wird irgendwann an den Nagel gehängt. Oftmals finden junge Erwachsen erst wieder Halt, wenn Strukturen erneut von außen gegeben werden: durch einen Lebenspartner, einen stabilen Job, straffe Pläne oder Abläufe.

Motor ADHS
Philipp ist mit seiner Diagnose übrigens in allerberster Gesellschaft: Albert Einstein, Jamie Oliver und Weltklassensportler wie Usain Bolt oder Michael Phelps haben es mit dem "ADHS-Motor" geschafft, Höchstleistungen zu vollbringen. Wem es gelingt, ADHS als Antrieb zu nutzen, kann also viel erreichen!

AD(H)S bei Erwachsenen

Kaum eine psychische Störung des Kindes- und Jugendalters ist so detailliert untersucht worden wie AD(H)S. Dass auch Erwachsene daran leiden, wurde indes lange übersehen. Die Forschungsarbeit steckt diesbezüglich noch in den Kinderschuhen, die Diagnose zu stellen obliegt Spezialisten. 
Erklärt wird AD(H)S mit einer neurobiologischen Störung. Ein gestörter Stoffwechsel der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn soll hauptverantwortlich dafür sein. Beide Transmitter sind für Aufmerksamkeit, Antrieb und Motivation wichtig. Da die neuronale Signalübertragung im Gehirn nicht ausreichend gehemmt wird, stehen permanent neue, ungefilterte Informationen im Fokus.

Mögliche Symptome

  • Nachweis der Symptomatik im Schulalter
  • Aufmerksamkeitsdefizite
  • Impulsivität
  • Hyperaktivität: Meist ist diese schwächer ausgeprägt als bei Kindern und Jugendlichen. Innere Unruhe und ein starker Drang nach sportlicher Betätigung bleiben meist bestehen.
  • Die Biografien von Erwachsenen mit unbehandeltem ADHS weisen vermehrt instabile Beziehungen, häufige Wohnungs- und Jobwechsel, erhöhte Unfallraten, zusätzliche psychische Erkrankungen und die Neigung zu Suchtverhalten auf.



Ansprechpartner:
Informationen über diagnostische und/oder therapeutische Stellen in Österreich finden Sie auf der Website der Arbeitsgruppe zur Förderung von Personen mit AD/HS und Teilleistungsschwächen,

Verein ADAPT: www.adapt.at