Digital love?

Digital love?
Foto: shutterstock/Ditty_about_summer


Als ich vor einigen Tagen in unseren Swimmingpool, vormals unser Wohnzimmer, stolperte, wusste ich, das Verhängnis hatte mich eingeholt. Meine Herzallerliebste saß auf der Couch, mit dem verständnisvollsten und anteilnehmendsten Gesichtsausdruck, den ich bei ihr seit dem Versinken meiner Lieblings-Gummiente gesehen hatte. Ihr Blick galt unserer Freundin Marion. Diese verstreute, aufgelöst und hysterisch wie Mausi Lugner nach zehn Tagen Dschungelcamp, gerade systematisch den Inhalt einer Jumbopackung Taschentücher über unser Interieur.

 

 

Beziehungskrise

Sofort wusste ich, bei Marion war eine Beziehungskrise ausgebrochen. Und Beziehungskrise bedeutete: Sie hat die Krise, weil sie keine Beziehung hat. Schon wieder. Oder noch immer. Egal, Krise ist Krise ...
Ich versuchte wieder unauffällig aus dem Wohnzimmer hinauszustoplpern, aber es war zu spät. "Scha-atz", sagte meine Herzallerliebste zu mir, wobei der leichte Kommandoton bereits unüberhörbar war, "Marion ist unglücklich. Sehr unglücklich. Auch ihre letzte Partnerannonce in der großen Tageszeitung brachte nichts. Sie und ich wollen etwas Neues versuchen. Du bist ja der Internetfreak von uns. Schau Dir einmal an, wie die Singlebörsen im Internet funktionieren. Aber ich warne Dich gleich: Schau dir ja nicht die Frauen an! Oder deren Kontaktanzeigen! Am besten, du schaust dir das an, ohne es dir anzuschauen. Verstanden?2 Der letzte Teil klang etwas ... widersprüchlich. Doch erfahrungsgemäß war Logik in solchen Situationen ohnehin sinnlos. Also zog ich mich zum Nachdenken zurück.

 

Ich saß ein wenig ratlos vor dem PC, da fiel mir mein guter alter Freund Franz ein. Dieser war glücklich geschieden und "Hardcore-Single" - was immer auch damit gemeint war. Ich wusste, er hatte seine Erfahrungen im Web gemacht, zumindest, was Singlebörsen betraf. Denn ich hörte mir schon seit langem seine Beziehungsprobleme an, und die begannen in der Regel mit "Wir haben uns im Internet kennen gelernt..." Gesagt, getan, ich rief also Franz an.

 

Grundsätzlich ist es einfach - die Tücken kommen aber sehr schnell

"Du willst also wissen, wie das so läuft?", fragte Franz. "Grundsätzlich ist es einfach. Du suchst Dir eine Singlebörse aus. Mittlerweile gibt es eine fast schon unübersehbare Anzahl, die teilweise sehr spezialisiert sind - für Hundefreunde, für gläubige Christen, für Landbewohner, für Golfer, für sehr gehobene Einkommensschichten, und und und. Unter www.singleboersen-vergleich.at findet sich mehr dazu. Du musst dich zuerst entscheiden, ob du für eine Mitgliedschaft zahlen möchtest oder ob du ein Gratisportal in Anspruch nimmst. Bei der kostengünstigeren Variante hast du mehr Werbung und leider auch mehr - nun, sagen wir - Exzentriker unter den Usern. Zahlst du, so hast du tendenziell mehr wirklich Suchende, die es ernst meinen und auch seriöser sind. Auch ist es so, dass du bei kostenpflichtigen Portalen zwar angeschrieben, selbst aber nicht initiativ werden kannst.

 

Was wird gesucht?

"Wenn du dich entschieden hast, registrierst du dich und legst dein Profil an. Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Es ist ganz wichtig zu wissen, wen bzw. was du suchst - Flirt, One-Night-Stand, Sexbeziehung, Freizeitbekanntschaft, Ehepartner in spe. Du musst wissen, was du möchtest. Denn der andere weiß es nicht unbedingt. Dann ist es deine Aufgabe herauszufinden, ob ihr zusammen passt - und dabei musst du ganz aufrichtig sein, alles andere bringt es einfach nicht".
Zwei Dinge sind das Um und Auf im Internet. Erstens muss man wirklich genau wissen, welchen Partner für welche Beziehung man sucht. Und zweitens muss das auch ehrlich kommuniziert werden. Das vergrößert die Chance, den wirklich passenden Partner zu finden, enorm. Außerdem erspart man sich sehr viele leere E-Mail-Kilometer. Denn es ist leider davon auszugehen, dass nicht alle Schreiber aufrichtig sind. Ärger und Enttäuschungen sind in Singlebörsen vorprogrammiert.

 

Sehr viele unterschiedliche Börsen

Halbvoll.net

Die Anzahl an Singlebörsen ist gewaltig; die Bandbreite reicht von Komme-wer-da-wolle bis hin zu echten Spezialisten. Ein Beispiel: Die Klientel von www.halbvoll.net besteht exklusiv aus alleinerziehenden Mütter und Väter. Kein Wunder, wurde die Page auch von einem alleinerziehenden Vater gegründet, der aus eigener Erfahrung wußte, wie schwierig die Partnersuche im Netz sein kann.
Die Registrierung ist kostenlos. Wer mit anderen Kontakt aufnehmen möchte, der muss eine einmalige Gebühr von € 39.- zahlen. Damit ist bereits alles abgedeckt.
Leider wurde meine Anfrage nach dem Verhältnis Frauen zu Männer bei halbvoll.net nicht beantwortet; erfahrungsgemäß wird es zumindest 2:1 sein. Aber nicht verzweifeln, meine Damen - dafür finden Sie hier ausschließlich Alleinerzieher, die Kontakt zu einer Alleinerzieherin suchen.
Halbvoll.net ist wie viele Singlebörsen länderübergreifend. Mit Hilfe der ersten beiden Zahlen (Österreich und Schweiz) bzw. der ersten drei (Deutschland) der Postleitzahl kann frau feststellen, wo mann wohnt. Ebenso ist eine Suche nach Alter möglich, nicht aber nach Ausbildung - diese wird im Profil angezeigt.

Parship.at

Ein anderer, weitaus breitgestreuterer Anbieter ist www.parship.at Hier werden die partnersuchenden Mitglieder mittels Parship-Tests  "gematcht". Der Online-Test dauert rund 20 Minuten und fragt unter anderem nach Interessen und Vorstellungen. Die Ergebnisse werden mit denen anderer Suchender abgeglichen, der Prozentsatz der Übereinstimmungen wird im jeweiligen Profil angezeigt. Das Verhältnis Frauen zu Männer ist bei parship.at mit 51 Prozent zu 49 Prozent ziemlich ausgewogen.
Ähnlich verhält es sich bei Gratisbörsen friendscout24.at, love.at oder websingle.at. In der Regel gibt es mehr registrierte Männer als Frauen.
Doch Fragen wie "Wie viele Kontakte braucht es, um zu einem Treffen zu kommen", oder "Wie viele Treffen braucht es, um eine Beziehung zu finden" lassen sich nicht beantworten. Erstens gibt es darüber naturgemäß kein statistisches Material. Und zweites kommt es darauf an. Manche finden bereits beim zweiten Kontakt ihre große Liebe, andere - und auch das muss seriöserweise gesagt werden - nie, zumindest nicht im Internet.

Entscheidende Faktoren

"Marion soll sich sehr viel Zeit lassen und sich ganz genau überlegen, wie sie ihr Profil gestaltet", doziert Franz als erfahrener User. "Am besten, sie klickt sich einmal durch die diversen Börsen durch. Ist nicht nur lehrreich, sondern auch ganz amüsant. Partnerportale bieten jede Menge Material für Soziologen und Psychologen, aber das nur so nebenbei".

 

Foto

Ein gutes Profil fängt damit an, dass frau ein Foto von sich reingibt. Auch wenn die Männer immer etwas von den inneren Werten erzählen - grins nicht, Du bist selbst einer - es stimmt nicht. Ein kurzer Blick entscheidet, ob mann überhaupt weiter liest. Oder gleich wegklickt. Das Foto soll zumindest halbwegs aktuell und realistisch sein - kein Bild von der Erstkommunion, keine eingescannte Postkarte, nicht das selbstgemalte Bild des Lieblingsbären und auch nicht das eigene mit Photoshop retuschiert. Bei allem Verständnis für weibliche Eitelkeit - die Wahrheit kommt spätestens beim ersten Treffen ans Licht. Und wir Männer mögen es gar nicht, wenn wir getäuscht werden.

Überschrift

Dann muss Marion eine gute Überschrift finden, die auch durchaus länger sein kann, aber auf jeden Fall aussagekräftig und positiv. Mann muss einfach Interesse bekommen, das ganze Profil zu lesen. Schöne einfache, postive Formulierungen wie "Ich bin jetzt bereit für einen Neuanfang und suche einen Mann für den Rest meiner Tage" haben mich immer begeistert. Dieser Satz zeigt auch, dass frau zumindest ansatzweise weiß, was sie sucht. Ganz schlecht sind Statements wie "Carpe Diem", "Sex, Drugs, Rock’n Roll"  oder "Du hast, wenn man von deiner Geburt weg zurück denkt, eine Ewigkeit nicht gelebt und du wirst nach deinem Leben ewig tot sein". Bei erstem glauben die meisten Männer, es gibt Karpfen, bei zweitem, es gibt Sex, und beim dritten müsste Mann sein Gehirn einschalten, und das tut er nicht.

Profil

"Wenn die Headline gelungen ist, dann muss noch das eigentliche Profil gelingen. Es sind Rubriken und Fragen vorgegeben. Je mehr von ihnen genau ausgefühlt werden, umso erfolgsversprechender. Mich haben immer Vorlieben und Hobbys interessiert. Und dann natürlich, wie frau sich den Partner vorstellt. Aber hier ist es wichtig, die Balance zwischen äußerem Erscheinungsbild und inneren Eigenschaften zu finden. Wurde eines von beiden ausgelassen bzw. überbetont, dann war ich schon sehr skeptisch. Auf die richtige Mischung kommt es an. Und wenn möglich, bitte nichts Esoterisches  - das schreckt die meisten Männer doch eher ab".

Hier legte Franz eine Nachdenkpause ein. "Marion sollte nicht gleich über die ersten halbwegs vernünftig klingenden E-Mails in Euphorie verfallen und denken, dass sie jetzt ihren Traummann gefunden hat. Auch im Internet braucht man Zeit, um sich anzunähern. Und noch eines muss ihr klar sein. Es ist ein Markt, und die Singlebörsen verhalten sich  nach dieser Logik. Also muss, egal ob Mann oder Frau, Werbung in eigener Sache gemacht werden. Aber diese Werbung muss realistisch und nicht übertrieben oder schlicht falsch sein. Denn irgendwann stellt sich ja doch raus, dass mann oder frau nicht ganz so jung, gut gebaut oder durchtrainiert ist - spätestens wenn mann bzw. frau sich zum ersten Mal gegenübersitzt".
Ich dachte mir gerade: "Arme Marion, das digitale Liebesleben scheint auch ganz schön kompliziert zu sein", als ich plötzlich einen Geistesblitz hatte und Franz für übermorgen zu uns nach Hause zum Essen einlud. Marion wird zufällig auch da sein ...