Männer im Kreissaal

Männer im Kreissaal
Foto: shutterstock/Tyler Olson


Wer kennt sie nicht, die Bilder aus älteren Filmen: Werdende Väter, die auf Spitalsgängen der Geburt ihrer Kinder entgegenfiebern und später das Kleine durch die Glasscheibe des Säuglingszimmers begrüßen.

Inzwischen hat sich einiges verändert: Heute ist die Geburt ein "Ereignis", an dem auch der werdende Vater teilhaben darf.


Erfahrung

Christine Roschger vom Hebammenzentrum hat als erfahrene Hebamme schon viele Papas beim "freudigen Ereignis" erlebt. "Ich finde es prinzipiell positiv, wenn der Vater bei der Geburt dabei ist. Das ist ja mittlerweile seit circa fünfundzwanzig Jahren üblich. Ich erlebe die Anwesenheit von Vätern eigentlich immer als angenehm. Es ist selten, dass einer stört. Wenn eine Frau nicht mit einer "eigenen Hebamme" entbindet, liegt der Vorteil vor allem darin, dass die Gebärende nicht alleine ist, auch wenn sich die Hebamme um eine andere Frau kümmert. Aber auch sonst ist es gut, wenn eine vertraute Person Entscheidungen mit trägt". Natürlich, so weiß sie aus Erfahrung, ist nicht jeder Papa in spe gleich hilfreich. "Es kommt schon vor, dass ein Mann nur herumsteht. Ob eine Begleitperson eine Hilfe ist oder nicht, hängt einerseits davon ab, ob er sich vorher mit der Situation auseinander gesetzt hat und andererseits davon, über wie viel soziale Kompetenz der Betreffende verfügt". Nachsatz: "Manche wissen einfach instinktiv, dass ein kühles Tuch oder eine Massage gut tun".

 

Beim Kaiserschnitt dabei

Uns interessiert, wie sich die werdenden Väter bei einem Kaiserschnitt verhalten. "Manchmal erstaunt es mich, dass Männer bei der Operation in den Bauchraum schauen wollen, statt Blickkontakt mit ihrer Frau zu halten". Einmal hätte ein Papa zu ihr gesagt: "So eine Chance hat man halt nicht oft". Bei einem Kaiserschnitt seien die Papas für das bonding besonders wichtig. "Da übernehmen sie schon früh die Beschützerfunktion, weil ja die Mutter unmittelbar nach der Operation nicht so einsatzfähig ist. Es gibt Spitäler, da wird dem Vater das Neugeborene sogar auf den Bauch gelegt, statt dass es in den Inkubator kommt. Ein Krankenhaus kann das bonding fördern oder eben nicht", erklärt  die Hebamme. Sind die Papis eine echte Hilfe für die werdenden Mütter?

Aus Erfahrung weiß Frau Roscher: "Viele Frauen sagen, dass die Anwesenheit des Partners eine Unterstützung war. Es gibt aber auch Ausnahmen". Nachsatz: "Da sieht man sehr gut, wie eine Beziehung läuft".Wichtig ist Frau Roschger eines: "Es hat keinen Sinn, seinen Partner zur Geburtsbegleitung zu drängen". "Das soll ja keine Pflichtübung sein. Wenn es den Vater aus dem seelischen Gleichgewicht werfen würde, ist es besser er bleibt daheim". Allerdings sind die werdenden Papis weniger zart besaitet als man vielleicht annehmen würde. "Also umgefallen ist mir noch keiner", lacht Frau Roschger. Und überhaupt: "Man muss ja nicht so genau hinschauen, wenn man kein Blut sehen will. Außerdem kann der Papa in spe das Zimmer verlassen, wenn es ihm zuviel wird.".  Uns interessiert, ob die erfahrene Hebamme angesichts des blutigen, unplanbaren Naturereignisses bei den Herren der Schöpfung Hilflosigkeit ortet. Die Antwort ist pragmatisch: "Ich sage den Männern einfach, was sie zu tun haben. Wenn ein Vater miteinbezogen wird, fühlt er sich gleich nicht mehr so hilflos. Man muss mit den Männern gut kommunizieren, dann sind sie auch recht konstruktiv". Das gilt nicht nur fürs Kinderkriegen...

 

Interview

GERNOT (33,  Soziologe) & SONJA (31, Juristin): Leonie (5) und Arthur (2)

 

ER: "Die Geburt unserer Tochter habe ich als schön empfunden, obwohl sie lange gedauert hat und die Hebamme unfreundlich war. Am Sonntag in der Früh hatte Sonja den Blasensprung und am Montagnachmittag ist Leonie auf die Welt gekommen. Sie hat Schmerzmittel und einen Kreuzstich bekommen. Die Hebamme im Spital hat meine Frau eigentlich nicht unterstützt, sondern immer geschimpft, dass der Muttermund noch nicht weit genug geöffnet ist".

"Die Geburt unseres Sohnes ist völlig anders verlaufen. Diesmal hatten wir eine eigene Hebamme, die mit Sonja zu Hause Geburtsübungen gemacht hat. Nach dem Duschen sind die Wehen ganz heftig geworden, erst dann sind wir ins Spital gegangen - wir wohnen ja vis a vis der Semmelweißklinik. Bei Arthur waren die Wehen sehr stark und Sonja hat laut geschrieen. Leonie ist ja im Bett entbunden worden. Bei Arthur war meine Frau im Vierfüßlerstand. Die Hebamme hat dann gesagt: "Schau, man sieht schon den Kopf!". Aber er war so verschoben und faltig, dass ich es gar nicht geglaubt habe".

Nachdenkliche Pause.

"Beim zweiten Kind denkt man mehr nach. Man hat schon mit vielen anderen Eltern geredet und kennt die Risiken. Außerdem war beim zweiten Mal das Gefühl der Hilflosigkeit bei mir größer, weil Sonja mehr geschrieen hat. Trotzdem verstehe ich Männer nicht, die bei der Geburt nicht dabei sein wollen. Das ist doch eines der größten Erlebnisse im Leben. Mir tun die Männer unserer Vätergeneration leid: Durch die sterile Geburt ist ihnen etwas entgangen".

 

Haben die Geburten die Beziehung zu seiner Frau verändert?

"Nicht die Geburt an sich verändert die Beziehung, sondern das Leben mit Kindern". Abschließend: "Ich finde Schwangerschaft und Geburt erleben zu dürfen, ist ein Privileg der Frau".

SIE: "Es war auf jeden Fall gut, Gernot mit zu haben - nicht allein zu sein, Hilfe und seelischen Beistand zu haben. Wenn es unmöglich gewesen wäre, dass mein Mann mitkommt, hätte ich eine Freundin mitgenommen. Bei der ersten Geburt hätte ich mir gewünscht, dass er aktiver gewesen wäre, weil sich die Hebammen so wenig um mich gekümmert haben. Außerdem finde ich es ganz wichtig, dass ein Vater sein Kind begrüßt".

 

Verändert eine Geburt die Partnerschaft?

 "Gernot war nachher sehr aufgewühlt. Es ist ein sehr tiefes Ereignis, aber nicht die Geburten selbst, sondern das Leben mit Kindern verändern die Beziehung".

Und wenn der Partner nicht mitkommen möchte? "Ich wäre schon gekränkt gewesen. Erstens trägt es sicher sehr zum "bonding" bei und außerdem ist es gut, wenn der Mann sieht, was eine Geburt für die Mutter bedeutet"


Interview

LUKAS (34, Finanzberater) & CHRISTINA (34, Hausfrau): Matthias (6) und Stefanie (5)

 

ER: "Ich habe mich bei den Geburten sehr hilflos gefühlt, als Statist. Ich wollte ihr helfen, konnte aber nicht. Tina, hat sich dann beschwert, dass ich gegähnt habe. So eine Geburt dauert ja sehr lange, das geht ja vor allem am Anfang ganz langsam. Bei Matthias hat es sieben Stunden gedauert. Mir ist unbegreiflich wie das früher war: Wo sollte man denn die ganze Zeit sein? Ich hätte nicht arbeiten können... Es ist also sicher richtig dabei zu sein. Ich verstehe aber auch, wenn jemand nicht dabei sein will. So eine Geburt ist nicht unbedingt etwas für Zartbesaitete".

 

"Gestört hat mich vor allem diese Entmündigung: Arzt und Schwester kommunizieren über deinen Kopf hinweg und man kann nicht mitreden. Da war zB der Anästhesist für einen eventuellen Kaiserschnitt im Zimmer und hat nicht mit mir gesprochen. So eine Geburt ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Wenn die ersten Wehen kommen, steigt das Adrenalin und man wird ganz nervös. Bis man sich besinnt, dass das ja lange dauern wird. Als ich Tina sicher ins Spital gebracht habe, habe ich einmal aufgeatmet  - da konnte ich sozusagen die Verantwortung abgeben. Wenn das Kind dann kommt, geht plötzlich alles ganz schnell. Und dann, nach der Geburt, diese irrsinnige Erleichterung, wenn alles in Ordnung ist".

 

Trotz aller Hilflosigkeit hatte Lukas doch das Gefühl, einen Beitrag zu leisten. "Es ist wichtig da zu sein, damit sich die Frau anhalten kann". Und das meint er wörtlich: "Man muss zwei Finger hergeben, nicht mehr und nicht weniger. Die ganze Hand wird einem nämlich zerdrückt und ein Finger ist zu wenig". Die Geburten hätten die Beziehung nicht verändert. "Nein", lacht Lukas, "dass wir zusammengehören war immer klar". Zum Abschluss sagt er interessanterweise fast dasselbe wie Gernot: "Frauen dürfen Kinder bekommen - das ist ein tolles Erlebnis. Männern ist das vorenthalten".

 

SIE: "Natürlich ist es wichtig, dass der Vater bei der Geburt dabei ist. Da käme niemand anderer in Frage. Lukas war eine große mentale Unterstützung. Speziell beim ersten Kind ist es gut, wenn der Vater da ist, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt. Er kann einem zwar nicht helfen, aber die Nähe einer vertrauten Person ist wichtig. Die Geburten haben unsere Beziehung zwar nicht verändert, aber es ist schön, das gemeinsam zu erleben".

 

"Die Männer bekommen ja alle Details mit, während wir Frauen so mit Hormonen voll gepumpt sind, dass man gar nicht alles wahrnimmt. Bei den letzten Phasen der Geburten kann ich mich an meine Umgebung gar nicht mehr erinnern. Ich habe z.B. gar nicht bemerkt, dass der Anästhesist im Zimmer war".

"Bei einem dritten Kind sollte Lukas natürlich wieder dabei sein, das wäre ja selbstverständlich. Wenn es aber nicht möglich wäre, wäre es auch kein Drama. Aber beim ersten Kind hätte es mich schon sehr gestört, wenn er nicht dabei gewesen wäre".

 

Interview

CLAUDIUS (36, Zahnarzt) & SANDRA (35, Staatsanwältin): Jan (4) und Julius (2)

 

ER: "Ich habe die Geburten als befreiend erlebt. Es war für mich beruhigend, dass es in beiden Fällen ein Kaiserschnitt war. Das waren ja nicht meine ersten Geburten. Als Arzt  war ich drei Wochen auf einer Geburtsstation und habe dabei auch Komplikationen erlebt. Bei einem operativen Eingriff wie dem Kaiserschnitt ist alles gut organisiert und planbar. Außerdem ist auch immer ein Kinderarzt dabei. Während der Operation war ich ein bisschen zerrissen: Einerseits wollte ich bei Sandra sein, andererseits wollte ich auch in den Bauchraum schauen. Ich hätte das Kind gerne in der Gebärmutter gesehen".

"Als ich Jan das erste Mal im Arm gehalten habe, war das irgendwie befremdend. Er war ja nicht das erste Neugeborene, das ich halten durfte. Das Gefühl, das das mein Kind ist, kam erst nach Tagen".

 

Gab es Unterschiede bei den Geburten?

"Die Geburt von Julius war weniger hektisch als die von Jan. Jan hatte ja die Nabelschnur um den Hals gewickelt. Bei Julius war ich auch mehr in die Nachsorge eingebunden. Ich habe beim Baden mit ihm gespielt; ein bisschen mit gemischten Gefühlen". Claudius lächelt: "Da wusste ich ja schon was mir blüht: wenig Schlaf und eine gestresste Frau".

Für den Zahnarzt ist, jedenfalls was den Vater betrifft, ein Kaiserschnitt die angenehmere Geburtsvariante: "Man kann sich den Termin einteilen, es ist ästhetischer, man kann mit dem Kind intensiver zusammen sein und die Atmosphäre ist entspannter".

"Ich verstehe es aber auch, wenn ein Mann nicht dabei sein will, weil bei einer Geburt einfach alles möglich ist".


Kann der Vater bei einem Kaiserschnitt auch einen Beitrag leisten?

"Ich habe Sandra ein bisschen die Angst genommen, weil ich den Kaiserschnitt positiv gesehen habe".

 

Hat sich ihre Beziehung durch die Geburten verändert?

"Na ja, das ist eben ein Abenteuer, das man gemeinsam bestanden hat. Man hat eine Akutsituation gemeinsam durchlebt, das schafft eine starke emotionale Bindung".

SIE: "In den Stunden vor der Geburt von Jan war es besonders wichtig, dass Claudius bei mir war. Ich hätte das alleine nicht durch gestanden. Jan ist ja sechs Wochen zu früh auf die Welt gekommen und ich habe mir große Sorgen gemacht, dass mit dem Kind vielleicht etwas nicht in Ordnung ist. Claudius hat mich doch etwas beruhigt".

"Bei Julius war ich nicht so nervös, weil ich schon gewusst habe, dass es kein Problem ist, wenn ein Kind ein paar Wochen zu früh kommt. Insofern war es mir bei der ersten Geburt wichtiger, dass er dabei war. Aber bei Julius wollte ich es natürlich auch; einfach weil es sein Sohn ist. Wenn Claudius mich nicht begleitet hätte, wäre ich schon beleidigt gewesen - sowohl wegen mir als auch wegen der Kinder".

"Weniger die Geburten als die Kinder haben unsere Beziehung verändert; die Beziehung ist jetzt auf einer ganz anderen Ebene".


Was ist also das Fazit meiner "Mini-Umfrage"?

Interessanterweise gibt es in den Antworten ziemlich viele Übereinstimmungen. Alle Väter haben es wichtig gefunden bei den Geburten dabei gewesen zu sein und würden wieder mitgehen. Alle hatte subjektiv das Gefühl, ihre Frauen unterstützen zu können, wenn auch andererseits das Gefühl der Hilflosigkeit unterschiedlich stark ausgeprägt war. Alle Mütter waren froh, dass ihr Partner dabei war, haben das als Hilfe empfunden und würden den Herrn Papa wieder mitnehmen. Alle geben freimütig zu, dass sie beleidigt gewesen wären, wenn der Vater die Geburt verweigert hätte.

Auf eine Aussage der Herren der Schöpfung habe ich allerdings vergeblich gewartet: Dass sie ihre Frauen (wenigstens ein bisschen) dafür bewundern, was sie während und nach der Geburt  aushalten müssen. Betont wurde, dass die Geburt ein Privileg der Frau sei. Das ist sehr praktisch für alle Papis, denn für ihre Privilegien muss man schließlich keine Frau bewundern.

 


Informationen:

HEBAMMENZENTRUM - Verein freier Hebammen
Lazarettgasse 6/2/1, 1090 Wien
Tel. 408 80 22


www.hebammenzentrum.at
e-mail: freie-hebammen@hebammenzentrum.at

Dort werden ua ein Vortragszyklus für werdende Väter und eine Vätergruppe angeboten.