Sex in der Schwangerschaft

Sex in der Schwangerschaft
Foto: shutterstock/Chris Collins


Zu Beginn dieses Artikels muss ich mit einem Klischee aufräumen: Es ist nur ein Gerücht, dass Männer nicht über Sex sprechen! Lassen Sie sich das vom Verfasser dieser Zeilen, der sich definitiv dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlt, gesagt sein: Männer sprechen über Sex! Nur nicht miteinander! Und nicht im nüchternen Zustand! Und Sex-Probleme sind sowieso tabu! Besonders die eigenen!

Deswegen erstaunte es mich umso mehr, als mein Freund Kurt (dessen Name aus Gründen der Privatsphäre hier nicht erwähnt werden soll) mir bei unserem letzten Pokerabend nach einigen Bierchen und einer Unzahl von verlegenen Räusperlauten unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit ein Geheimnis anvertraute: Seine im siebten Monat schwangere Frau hätte so überhaupt keine Lust auf wie auch immer geartete sexuelle Aktivitäten. "Und das schon seit zwei Monaten!" Kurt starrte melancholisch in sein Bierglas. "Ich sabbere schon permanent vor mich hin! Das ist echt peinlich! War das bei euch auch so?"
"Nö, eigentlich nicht!"
"Fein, fein!" Kurt seufzte. "Schön, dass wir darüber sprechen konnten. Also, bis bald! Baba!"
Gut, um ehrlich zu sein, ein bisschen komplizierter verlief Manus und mein Sexualleben während unserer Schwangerschaft doch. Und bevor ich nun in Erinnerungen schwelge, lassen Sie mich an dieser Stelle in aller Kürze ein paar medizinische Fakten vorwegnehmen:

 

Sex in der Schwangerschaft erlaubt?

Bei optimalem Schwangerschaftsverlauf ist Sex bis knapp vor der Geburt gestattet. Wenn Ihr/e Gynäkologe/in (und ich gehe davon aus, dass Sie eine/n kontaktiert haben) keinerlei Einwände hat, dürfen Sie Ihre Sexualität auch in der Schwangerschaft voll und ganz ausleben. Erlaubt ist alles, was gefällt! Dem Baby kann beim Liebesakt nichts passieren: es liegt durch das Fruchtwasser geschützt sicher in der Gebärmutter! Selbst die wirbelsäulenerschütterndste Stellung des Kamasutras und das erdbebenheftigste Lendenhämmern lassen den Fötus unbeeindruckt. So lange der Gebärmutterhals fest verschlossen ist, ist alles paletti! Ein Orgasmus löst auch keine Wehen aus; zwar zieht sich die Gebärmutter in diesem Moment mehrmals zusammen, doch sind diese Kontraktionen viel zu schwach, um den Geburtsvorgang einzuleiten - außer er steht ohnehin unmittelbar bevor. (Weshalb unsere Hebamme, als sich unser Fast-schon-Erstgeborener nicht und nicht entschließen konnte, das Licht der Welt zu erblicken, uns den wohlmeinenden Tipp gab: "Machen Sie sich einen schönen Abend und vor allem Liebe! Vielleicht löst das Wehen aus!" Der Vollständigkeit halber: Der Versuch brachte zwar nicht das gewünschte Ergebnis, verlief aber dessen ungeachtet dennoch befriedigend!)

 

Theorie und Praxis

Kurze Zusammenfassung: Wenn Sie wollen, können Sie im Normalfall während einer Schwangerschaft Rammeln wie die Karnickel! Theoretisch!
Praktisch ist erstens alles ganz anders als man sich zweitens denkt - so zeigt es die Erfahrung. Denn in Wirklichkeit gibt es den "Normalfall" nicht; dafür sind wir Menschen viel zu individuell. Mit dem Sex in der Schwangerschaft verhält es sich ein wenig wie mit dem Lotto: Alles ist möglich! Und nix ist fix! Besonders, wenn Letzteres mit "ck" geschrieben wird.

 

Zeit der Übelkeit

Wir Männer haben bei einer Schwangerschaft ganz eindeutig den leichteren Job! Seien wir ehrlich: Die einzige körperliche Beschwerde, die wir Herren der Schöpfung fühlen, ist der Brummschädel, den wir uns zur Feier des Anlasses mit Freunden im nächstgelegenen Beisel zugelegt haben. Und Kopfweh dauert hundertprozentig keine neun Monate an. Tatsache ist, selbst der vor Vorfreude engagierteste Mann bleibt im Grunde ein außen stehender Beobachter.

Ganz im Gegenteil zur werdenden Mutter ... Bei meiner Herzallerliebsten purzelten die Hormone! Und zwar ordentlich! Vor allem im ersten Drittel der Schwangerschaft muss der weibliche Körper eine Unzahl an körperlichen Veränderungen und damit verbundenen Problemen verarbeiten. Morgenübelkeit, Schlaflosigkeit, Angespanntheit, Brustspannen ... Da ist es nur allzu verständlich, dass die Lust auf Sex abhanden kommt. Aber wie bereits erwähnt: Geschmäcker, Ohrfeigen und Menschen sind verschieden!

 

Lustempfinden

Ein Problem liegt auch darin, dass wir Männer was zu sehen kriegen müssen, bevor wir's glauben! Wir brauchen etwas Konkretes vor Augen, z.B. einen schwangeren Kugelbauch; das verstehen wir. Aber wochenlang tut sich bei der Geliebten äußerlich gar nichts; sie sieht aus wie immer! Sie riecht wie immer, fühlt sich auch genau so an wie immer - und bringt mit diesen Sinneseindrücken die männliche Amygdala (das Kerngebiet im Gehirn, das wesentlich am Sexualtrieb beteiligt ist) und damit auch den kleinen Prinzen auf Touren - so wie immer! Alles scheint unverändert ... aber die Geliebte reagiert in den meisten Fällen nicht so wie immer. Das ist für einen Mann nur schwer zu kapieren.

Irgendwann machten sich bei meiner Herzallerliebsten doch die ersten körperlichen Veränderungen bemerkbar. Ihr Bauch begann zu wachsen, langsam nur, war zuerst nur eine kleine Wölbung, ein kleiner Hügel, irgendwann ein kleiner Fußball. Der dunkle Hautstreifen in der Bauchmitte kam zum Vorschein. Der Busen wurde voller. Und plötzlich hatte meine Frau wieder Lust am Sex! In den Büchern konnten wir nachlesen, das sei oft so. Das liege daran, dass die Haut, die Klitoris, die Brüste, während der Schwangerschaft stärker durchblutet und sensibler auf Berührungen reagieren würden.

Vaterinstinkt

Dummerweise meldete sich just in jenem Moment der Vaterinstinkt in mir. Und der sagte: Achtung, Baby an Bord! Im Bauch deiner Frau wächst etwas ganz Wunderbares heran! Da drinnen entsteht das Kostbarste auf der Welt, ein kleines Menschenwesen! Dein Kind! Das ist zart, fein, zerbrechlich! Das musst du beschützen! So wie seine Mutter! Da kannst du dich doch nicht auf sie stürzen wie ein Gorilla auf die Bananenstaude.

Denn vielleicht schadet es dem Baby doch, wenn du zu heftig ... Vielleicht kommen da irgendwelche Zellen durcheinander. Oder die Fruchtblase platzt! Der Muttermund könnte sich vorzeitig öffnen! Ich könnte den Embryo verletzen, wenn ich zu tief eindringe;  womöglich kommt das Kind mit einer platten Stirn zur Welt ...

Plötzlich setzte bei mir die Logik aus. Natürlich sagte mein Verstand, dass sich Zellen nicht verwirren, die Fruchtblase nicht platzt und der Muttermund sich nicht öffnet. Und anatomisch betrachtet ist es absolut unmöglich, dass der Penis auch nur ansatzweise in die Nähe des Babys kommt. Aber die Paranoia sagte: Bist du dir hundertprozentig sicher ...? Und während meine Herzallerliebste mich zwecks heißen, hemmungslosen Sex durch das Schlafzimmer jagte, propagandierte ich die Vorzüge des Kuschelns. Am besten wäre aber die Nummer Sicher, nämlich Enthaltsamkeit ...

Eines war es definitiv nicht: "Du findest mich nicht mehr aufregend! Ich bin dir zu dick!" Die Anspannung entlud sich eines Nachmittags bei meiner Herzallerliebsten in einem Sturzbach von Tränen. Und es kostete mich viel Überzeugungskraft, ihr klarzumachen, sie sei so schön und so aufregend wie nie zuvor. Die einzige Erklärung, die ich hatte, lautete: Ab und zu ticken nicht nur schwangere Frauen nicht richtig, sondern schwangere Männer auch ...

 

Die letzten Wochen der Schwangerschaft

Wirklich schwierig wurde es nur in den letzten Wochen vor der Geburt. Es gab schlicht und einfach "technische" Probleme, weil unsere Bäuche (ich hatte mir aus Solidarität auch ein kleines Kügelchen zugelegt) im Weg waren. Aber das lösten wir mit ein wenig Fantasie abseits der klassischen Missionarsstellung. Glauben Sie mir, auch diese Experimentierphase hat ihren Reiz.

Was kann ich Ihnen am Ende dieses Artikels mit auf den Weg geben? Was Sex während der Schwangerschaft betrifft, so fürchte ich, muss jedes Paar seine eigenen Erfahrungen sammeln. Aber einen guten Tipp habe ich doch auf Lager: Egal, wie oft Sie es während der Schwangerschaft treiben, genießen Sie jeden Moment davon! Denn sobald das Kind auf der Welt ist, haben Sie ohnehin für lange Zeit keine (ungestörte) Gelegenheit mehr!

 

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