Sidestep zum Seitensprung

Sidestep zum Seitensprung
Foto: shutterstock/aslysun


Ob Sie es glauben oder nicht, werte Leserinnen und Leser: Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie seitengesprungen. Offensichtlich verfüge ich über einen geradezu monotonen Hang zur Monogamie. Zwar will ich nicht leugnen, dass ich ab und zu in Versuchung gerate ... aber dann lasse ich es lieber bleiben; schließlich kann meine Herzallerliebste Karate! Also insofern beschränken sich meine persönlichen Kenntnisse darauf, was ich aus Society-Illustrierten (die offensichtlich zu jedem Seitensprung gleich einen Seitenblick mitliefern) und aus meinem Freundeskreis erfahren habe. Was ich da allerdings allein im Vorbei- vom Fremdgehen erfahre ... aber hallo! Dementsprechend sprang auch die Scheidungsrate unter meinen Freunden - allerdings nicht zur Seite, sondern in die Höhe!

 

Seitensprung: Trennungsgrund Nr. 1

Ein Seitensprung lässt niemanden kalt. Wie eine von der Münchner Fachzeitschrift "Apotheken Umschau" in Auftrag gegebene aktuelle Umfrage zeigt, könnten sechs von zehn Befragten dem Partner oder der Partnerin einen Seitensprung nicht verzeihen und würden die Beziehung beenden. Ein Kind aus einer heimlichen Beziehung wäre für 62 Prozent unverzeihlich.
Klar, aus evolutionsbiologischer Sicht stellt ein Techtelmechtel geradezu eine genetische Katastrophe dar. Schließlich lässt man sich beim Fortpflanzen nicht gerne pflanzen! Vor allem Mann nicht, der ja nie hundertprozentig sicher sein kann, Erzeuger seiner Sprößlinge zu sein. Gesetzt den Fall, seine Partnerin hätte in einer schwachen Minute ein kleines Tete-a-tete mit dem Gasmann gehabt und dem Hahnrei anschließend ein Kuckucksei untergeschoben, so müsste er nichtsahnend jede Menge Zeit und Geld darauf verwenden, statt der eigenen Gene die des Nebenbuhlers zu hegen und pflegen! Ein männliches Horrorszenarium - allerdings durchaus nicht unrealistisch. Rund jedes dritte Kind stammt, wenn man den Ergebnissen von Vaterschaftstests Glauben schenken darf, aus einem Seitensprung oder zumindest nicht vom offiziellen Partner der Mutter ab.
Ähnlich die Motivation der weiblichen Gattung Homo sapiens sapiens, auf die Untreue des Männchens mit Nervosität zu reagieren. Schließlich ist er der Ernäherer des Nachwuchses. Seine Energie soll er gefälligst darauf verwenden, den eigenen (mütterlichen) Genpool mit Mammutsteaks zu versorgen statt ein fremdes Weibchen und deren Bälger durchzufüttern.
Ganz schön kompliziert, doch ein paar zehntausend Jahre Existenzkampf lassen sich halt nicht so einfach abschütteln.

 

Frauen sind nicht treuer, sondern nur diskreter

Trotz aller Kompliziertheit wagt Mann - und auch Frau - permanent den Sprung. In rund 50 Prozent aller Beziehungen kommt es Untersuchungen zufolge zumindest ein Mal zu einem erotischen Sidestep - übrigens ein Prozentsatz, der sich seit Kinseys Sexualforschungsstudien aus den 50ern nicht verändert hat. Dem Seitensprung an sich bleibt man also treu. Und es sind, wie bereits erwähnt, nicht nur die Herren der Schöpfung, die die Abwechslung suchen. Rund 60 Prozent der befragten Männer gaben an, ab und zu mit einer fremden Partnerin Tango zu tanzen - um es diskret auszudrücken. Aber auch 50 Prozent der befragten Vertreterinnen des angeblich schwachen Geschlechts sagen "Ja"zu einem erotischen Infight außer Haus. Tippt man bei Google das Stichwort "Seitensprung" ein, poppen die dazugehören Agenturen geradezu in Legion auf und bieten vom Sparringspartner bis zum perfekten Alibi hundertprozentig befriedigenden Service an.

 

Volkssport Seitensprung

Tatsache ist: Mit der Treue in der Partnerschaft wird es nicht so genau genommen. Viele handeln beim Volkssport Seitensprung nach dem Motto: Was er/sie nicht weiß, macht sie/ihn nicht heiß - mit einem kleinen, doch feinen Unterschied: Die meisten Männer sind eben nicht schweigend genießende Gentlemen, sondern müssen mit ihren Eroberungen lauthals prahlen. Oder lassen unvorsichtigerweise diverse Telefonnummern, Hotelrechnungen, etc. herumliegen. Frauen hingegen naschen diskreter an den Früchten aus Nachbars Garten und werden dementsprechend weniger erwischt.
Auch beim Warum gibt es einen fast klischeehaften Geschlechterunterschied: "Männer suchen in einem Seitensprung oft einfach nur das körperliche Vergnügen. Und lassen sich dann erst - vielleicht - auf Emotionen ein. Bei Frauen hingegen ist es meist umgekehrt", sagt Mag.a Raphaela Kovazh, Psychotherapeutin in Wien. "Aber Auslöser ist immer eine gewisse Unzufriedenheit mit der bestehenden Beziehung".

 

Keine Schmetterlinge im Bauch

Es ist ja nichts Neues: Selbst das aufregendste und harmonischste Zusammenleben wird mit der Zeit alltäglich. Das Neue, das Spannende, das Ungewisse, kurz, alles, was die Schmetterlinge im Bauch ausmachen, wird irgendwann einmal zum altbekannten Vertrauten. Das betrifft nicht nur, aber auch den Sex. Der sexuelle Kick geht in der Sicherheit, der Geborgenheit, der Alltäglichkeit einer Beziehung unter. Dazu kommt auch, Liebe macht blind. Am Anfang, frisch verliebt, wenn die Hormone fröhlich purzeln, übersieht man gern die Schwächen oder Eigenheiten des Anderen. Doch das alltägliche Zusammenleben kehrt diese gnadenlos hervor. Die nicht verschlossene Zahnpastatube oder der Schlabberlook vor dem Fernseher können auf Dauer ganz schön nerven.
"Vor einem Seitensprung steht oft das Gefühl, mir fehlt etwas!", zieht Mag.a Kovazh Resümee aus ihrer psychotherapeutischen Praxis. "Da ist etwas, das mir mein Partner, zumindest im Moment, nicht geben kann. Was auch immer es ist, Selbstbestätigung, Abwechslung, das Ausleben erotischer Fantasien: es fehlt! Begegnet man in dieser Phase jemanden, der genau das zu haben scheint, was man beim Partner vermisst, fällt der Seitensprung oft nicht schwer. Dabei kann ein bißchen Rache an dem Partner, der mich vernachlässigt, durchaus mitspielen".

 

Das Beste gegen Seitensprünge: Miteinander reden

Es klingt wie eine Binsenweisheit: Je erfüllter eine Beziehung ist, desto weniger anfällig ist sie für Seitensprünge. Spätestens wenn das Testbild im Fernseher für mehr Adrelaninstöße sorgt als die ehelichen Pflichtübungen, ist Alarm angesagt. "Ein Seitensprung kann durchaus auch positive Seiten haben. Er kann mir gut tun und mir Kraft geben", sagt Mag.a Kovazh. "Aber jedes Fremdgehen ist ein Zeichen für einen Konflikt innerhalb einer Partnerschaft und damit höchste Zeit, über die Beziehung zu reflektieren. Im besten Falle gemeinsam". Und da kommt man über eine offene, vorwurfsfreie und tolerante Kommunikation zum Thema Sex, sexuelle Wünsche und Fantasien einfach nicht drumherum.
Der Drahtseilakt, soviel Distanz in eine Beziehung zu bringen, um die erotische Anziehungskraft lebendig zu halten und gleichzeitig nicht an Vertrautheit und Sicherheit zu verlieren, ist äußerst schwierig. Hand in Hand geht damit auch, dass man oft in seiner Partnerschaft die Bequemlichkeit der Auseinandersetzung vorzieht. Vielen fällt es fast unglaublich schwer, miteinander über Sexualität zu sprechen. In der Phase der ersten Verliebtheit erscheint es auch gar nicht notwendig zu sein; später dann hat man oft das Gefühl, man könne jetzt ja nicht plötzlich mit dem einen oder anderen Wunsch in sexueller Hinsicht anfangen. Die Angst, den anderen zu überfordern, zu kränken, ist bei vielen ein großes Hindernis. Vor allem Frauen fürchten, ihre Männer plötzlich vor den Kopf zu stoßen; schließlich wird in unserer patriarchalisch dominierten Gesellschaft noch immer erwartet, dass die Herren der Schöpfung die Initative ergreifen.
Tatsache ist auch: Der Seitensprung eines Partners tut weh. Man fühlt sich wortwörtlich betrogen - um die Sicherheit, um das Vertrauen in einer Beziehung. Jetzt eine neue Basis zu finden, ist sicherlich sehr schwer - aber, wie viele Beispiele von Paaren zeigen, die es trotzdem geschafft haben, nicht unmöglich.


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