Familienministerin Sophie Karmasin im Interview

Familienministerin Sophie Karmasin im Interview
Foto: Shooting: Edith Walzl; Hintergrund: Zurijeta/Shutterstock / Author: Eva Sorantin


"Familie ist ein Wertefundament - da gehören alle dazu!"


Endlich gibt es in Österreich wieder ein eigenes Bundesministerium für Familien. Und Familienministerin Sophie Karmasin verfolgt ehrgeizige Ziele: Bis 2025 will sie Österreich zum familienfreundlichsten Land Europas gemacht haben. Grund genug für NEW MOM nachzufragen, welche Maßnahmen die Ministerin konkret plant, um junge Familien zu unterstützen.

Eva Sorantin, Familienministerin Karmasin    Familienministerin Karmasin
Foto: Edith Walzl Foto:Edith Walzl

NEW MOM: Sehr geehrte Frau Minister, beginnen wir mit dem Kinderbetreuungsgeld. Momentan stehen jungen Familien vier Pauschalvarianten sowie die einkommensabhängige Variante zur Verfügung. Was wird sich da in nächster Zeit ändern?

Ministerin Sophie Karmasin: Ziel ist mehr Flexibilität für junge Eltern. Es wird ein Gesamtbetrag fixiert, den sich die Eltern dann flexibel einteilen können. Das heißt: Wenn sie zum Beispiel kürzer in Babypause gehen, haben sie pro Monat mehr Geld zur Verfügung. Ebenso kann man Kinderbetreuungsgeld beziehen und Teilzeit arbeiten. Die Zuverdienstgrenzen bleiben in der aktuellen Form bestehen. Die maximale Bezugsdauer wird bei rund 28 Monaten liegen. Partnerschaftlichkeit bei der Kinderbetreuung soll noch stärker belohnt werden. Die Bonusmonate, die ein Paar erhält, wenn auch der Vater in Karenz geht, sollen erhöht werden. Ziel ist aber eine gleiche Aufteilung der Kinderbetreuungszeit zwischen beiden Eltern. Teilt sich ein Paar die Kinderbetreuungszeit 50:50, wird es noch einen finanziellen Extra-Bonus geben.

NEW MOM: Speziell die ÖVP-Basis fordert immer wieder eine finanzielle Vergütung für Mütter, die ihre Kleinkinder zu Hause betreuen, anstatt sie in eine Kinderkrippe zu geben. In manchen Gemeinden wird dieses Modell auch gelebt. Man argumentiert diese Forderung damit, dass zu Hause betreute Kinder keinen teuren Krippenplatz in Anspruch nehmen. Was halten Sie von einer solchen Prämie?

Ministerin Sophie Karmasin:
65 Prozent der familienfördernden Maßnahmen in Österreich sind reine Geldleistungen. Das ist ausreichend. Deutschland praktiziert mit dem Betreuungsgeld für Ein- bis Dreijährige ein derartiges System. Von dort wissen wir auch, dass gerade Migranten- und bildungsferne Familien dieses Angebot in verstärktem Maß nutzen. Das Betreuungsgeld hält also genau jene Kinder vom Besuch einer elementarpädagogischen Betreuungsstätte ab, die davon am meisten profitieren würden. Außerdem führt es tendenziell zu einer geringeren Frauenerwerbsquote und damit zur Festigung einer traditionellen Rollenverteilung. Das Wichtigste ist aber: Aus vielen Studien wissen wir, dass Kinder vom Besuch einer elementarpädagogischen Betreuungseinrichtung deutlich profitieren. Warum sollten wir also eine Prämie bezahlen, um Kindern das vorzuenthalten?

NEW MOM: Obwohl Österreich ein reiches Land ist, wächst die Armut bei Alleinerziehenden und Mehrkindfamilien seit einigen Jahren. Ab dem dritten Kind sind 28 Prozent armutsgefährdet. Welche Maßnahmen sind geplant, um gerade in diesen Gruppen die Armut zu reduzieren?

Ministerin Sophie Karmasin: Im internationalen Vergleich steht Österreich mit dem Mehrkindzuschlag, dem Alleinverdienerabsetzbetrag und dem Gratiskindergartenjahr gut da, was familienpolitische Leistungen für diese Gruppen betrifft. Dann gibt es natürlich noch verschiedene Sozialhilfeleistungen wie Mindestsicherung oder Mietzuschuss, die der Armut entgegenzuwirken versuchen. Grundsätzlich liegt das Problem der Armut aber auch darin, dass gerade ab dem dritten Kind Mütter häufig aus der Erwerbstätigkeit aussteigen, weil die Rahmenbedingungen nicht passen. Oder dass Alleinerziehende durch die Kinderbetreuungspflichten so stark in ihrer Berufstätigkeit eingeschränkt werden, dass sie nur Teilzeit arbeiten können oder minderqualifizierte Jobs in der Nähe annehmen müssen. Angelpunkt, um die Armut zu bekämpfen, ist hier eine hochwertige und auch in ländlichen Bereichen flächendeckende Kinderbetreuung. In Frankreich zum Beispiel kommt auch eine Mehrfachmutter nicht auf die Idee, aus ihrem Beruf auszusteigen - einfach, weil keine Notwendigkeit dafür besteht.

NEW MOM: Derzeit leben in Österreich rund 140.000 registrierte Patchworkfamilien, Tendenz - bei einer Scheidungsrate von 50 Prozent - stark steigend. Patchworkfamilien haben spezifische Fragestellungen, zum Beispiel hinsichtlich des Besuchsrechts für soziale Väter nach der Trennung von der leiblichen Kindesmutter oder auch in der Frage der Berechnung des Kindesunterhalts für Kinder aus erster Ehe, wenn ein Mann wieder eine Familie gründet und in Karenz geht. Dennoch scheinen Patchworkfamilien nirgendwo Gehör zu finden. SPÖ und Grüne konzentrieren sich auf Alleinerziehende und Regenbogenfamilien, die ÖVP fühlt sich für traditionelle Familien verantwortlich. Wer ist für die Patchworkfamilien zuständig?

Ministerin Sophie Karmasin: Als Familienministerin bin ich selbstverständlich auch für Patchworkfamilien zuständig. Familie ist ein Wertefundament - dazu gehören alle Familien. Für Besuchsrechts- und Unterhaltsfragen ist das Justizministerium zuständig. Im Familienpolitischen Beirat ist beispielsweise die Plattform für Alleinerziehende vertreten, sie versteht sich unter anderem als Interessenvertretung der Patchworkfamilien. In Zukunft wird auf die Bedürfnisse dieser Familien jedenfalls sicher besonders zu achten sein ...

NEW MOM: Stichwort Gesundheit. 20 Prozent der österreichischen Mädchen zwischen sieben und 14 Jahren sowie 25 Prozent der Buben in dieser Altersgruppe sind übergewichtig. Sechs bis neun Prozent sind adipös. Tendenz steigend. Diese Zahlen sind alarmierend. Gibt es diesbezüglich eine Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium bzw. was ist der Beitrag des Familienministeriums, um die aktuelle Situation zu verbessern?

Ministerin Sophie Karmasin: Ich bin als Familienministerin für Kinder bis zum Schuleintritt zuständig, und genau hier muss man auch ansetzen, wenn man wirklich nachhaltig etwas bewegen will. Mit „Bewegung“ haben wir das richtige Stichwort. Bereits kleine Kinder bewegen sich heute viel zu wenig. Mit dem privaten Kindergartenträger "KIWI – Kinder in Wien" haben wir bereits eine Kooperation gestartet, die tägliche Bewegungseinheiten im Kindergarten beinhaltet und die Einbindung von Sportvereinen fördert. Wichtig ist aus unserer Sicht, dass es zwischen Kindergärten und Gemeinden einen Austausch über erfolgreiche Bewegungsprojekte in Kindergärten und Schulen gibt. Deswegen habe ich auch Ende Februar die Familienlandesräte der Bundesländer zum informellen Informationsaustausch eingeladen. Wichtig ist natürlich auch das Thema Ernährung selbst. Hier ist Frankreich ein wunderbares Beispiel für "Best Practice". In Frankreich haben nahezu alle Kindergärten einen eigenen Koch oder eine Köchin. Die kochen dann mit den Kindern gemeinsam das Mittagessen. Dabei wird über die einzelnen Lebensmittel gesprochen und so Wissen zur Saison, zur Zubereitung etc. weitergegeben. Beim gemeinsamen Mittagstisch wird noch einmal erklärt, was für ein Gericht das ist, woher es kommt. So halten die Franzosen ihre kulinarische Tradition zum Wohle der Kinder hoch. Natürlich kann man das in Österreich nicht sofort umsetzen, aber das sollte das Ziel sein. Es helfen aber auch schon Ausflüge auf Bauernhöfe, Märkte etc., um Kinder über Ernährung und Nahrungsmittel zu informieren, die sie sonst nur aus dem Supermarkt kennen.

NEW MOM: Bleiben wir noch bei der Elementarpädagogik. Was soll sich in diesem Bereich - Stichwort "Ausbildung" - in den nächsten Jahren ändern? Wird Elementarpädagogik in Zukunft nur noch auf der Universität studiert werden können? Gibt es Maßnahmen, um mehr Männer für diesen Beruf zu begeistern?

Ministerin Sophie Karmasin: Wir haben bereits einige tertiäre Ausbildungsstätten für Elementarpädagogik in Österreich, beispielsweise die Ausbildung der Hochschule Koblenz in Zusammenarbeit mit "Kinder in Wien". Das müssen mehr werden, denn wir brauchen in diesem Bereich mehr wissenschaftliche Ausbildung und Auseinandersetzung, um Führungspositionen besetzen zu können. BAKIP (Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik ab der neunten Schulstufe, Anm. d. Red.) und universitäre Ausbildung sollen aus meiner Sicht parallel laufen. Das Problem ist aber auch, dass dieser wichtige Berufsstand nicht die ihm zustehende gesellschaftliche Anerkennung bekommt. Darum streben auch zu wenige diese Ausbildung an. Die Bezahlung ist Ländersache - da man aber auch in den Bundesländern mit der höchsten Bezahlung zu wenig Zulauf hat, liegt es offenbar nicht ausschließlich daran. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass es mehr Männer in diesem Beruf geben sollte. Darum subventioniert das Familienministerium Kampagnen für mehr männliche Elementarpädagogen. Außerdem planen wir in den Kindergärten und Schulen einen "Boys Day" für 14-Jährige, um sie für diesen Beruf zu begeistern. In Dänemark sind rund 20 Prozent der Elementarpädagogen männlich, das ist für Österreich noch ein sehr ehrgeiziges Ziel.

NEW MOM: Frau Minister, eine letzte Frage: Wie haben Sie persönlich die Herausforderung der Kinderbetreuung gelöst?

Ministerin Sophie Karmasin: Heute ist das kein Problem mehr, da meine Kinder zwölf und 14 Jahre alt sind. Als sie klein waren, hat uns meine Mutter viel geholfen ... und auch eine Mitarbeiterin, die schon mich als kleines Kind betreut hat. Eine Zeit lang hatten wir auch ein Au-Pair. Außerdem habe ich neben dem Büro gewohnt, da konnte ich auch mal "auf Anruf stillen".

NEW MOM: Vielen Dank für das Gespräch!

Ende Mai 2014