Frühförderung - ein Balanceakt

Frühförderung - ein Balanceakt
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Der Wochenplan manches Zweijährigen gleicht dem viel beschäftigter Erwachsener.
Der Begriff "Frühförderung" verfolgt Eltern auf Schritt und Tritt: Lernspiele für die Kleinsten, Bilderbücher mit hohem pädagogischen Wert, Babysportkurse und Wellnessprogramme für Einjährige - das Geschäft mit den Jüngsten boomt. Eltern sind zunehmend verunsichert: Fördere ich mein Kind ausreichend?

 

 

Frühförderung

Frühförderung ist ein Angebot speziell für Kinder und deren Familien in den ersten Lebensjahren. Sie dient grundsätzlich der speziellen Begleitung von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen.

Der Begriff "Frühförderung" wird aber in zunehmendem Maße verwendet wenn eigentlich "die frühe Förderung" des Kindes gemeint ist. Darunter versteht man den bestmöglichen und frühzeitigsten Zeitpunkt, um ein normal entwickeltes Kind in bestimmten Fähigkeiten zu trainieren.

 

Begabtenförderung

Der kleine Oliver aus dem Nachbarhaus liest bereits mit vier Jahren seine Bücher selber! Fabians Eltern befällt ein Gefühl der Panik: Ihr eigener Sohn blättert zwar gerne ab und zu in einem Bilderbuch, baut aber lieber hohe Türme mit seinen Pixibüchern als Interesse an Buchstaben zu zeigen! Hat Ihr Kind dennoch eine Zukunft in der leistungsorientierten Welt von heute?

Die kleine Nina wiederum turnt den ganzen Tag herum. Kein Hindernis ist ihr zu hoch, kein Kletterturm zu waghalsig. Ihre Freundin Lisa malt den ganzen Tag bunte Bilder, am Spielplatz ist sie allerdings ein richtiger kleiner Tollpatsch. So wie Nina beim Umgang mit Stiften und Papier.

Wird Oliver später Klassenbester? Fabian Baumeister, Nina ein Turnass und Lisa Grafikerin? Vielleicht ja, das muss aber nicht sein! Frühe Begabungen können sich bereits im Kleinkindalter zeigen und sollten auch entsprechend gefördert werden. Die beste Frühförderung ist das Kind seine Lieblingsbeschäftigungen ausüben zu lassen. Ein bewegungshungriges Kind benötigt genügend gefahrenarme Möglichkeiten zu turnen, zu klettern und Sport zu betreiben. Am besten mit einem Elternteil gemeinsam - das macht einfach mehr Spaß! Kleine Malkünstler brauchen ein kleines Tischchen, Stifte, Malfarben und viel Papier. Und verständnisvolle Eltern, die nicht wegen jedem Farbspritzer am Boden oder jedem umgekippten Malbecher schimpfen. Kleine Künstler benötigen ihren Freiraum, um sich zu entfalten!

Bausteine und einfache Konstruktionsspiele sind eine Freude für technisch interessierte Kinder wie Fabian und Bilderbücher ohne Ende für kleine Leseratten wie Oliver.

 

Förderschule Leben

Die ersten Lebensjahre sind eine einzige (Lebens)schule: nie lernt ein Mensch so intensiv und so viele verschiedene neue Dinge wie in dieser Phase. In den ersten drei Lebensjahren entdeckt das Kind täglich Neues und schärft seine Sinne: es lernt süß, sauer und salzig, hohe und tiefe Töne, laut und leise, warm und kalt, Farben, Formen und Mengen zu unterscheiden. Die Gefühlswelt des Kindes wird in dieser Zeit geformt: es lernt Freude und Erfolg aber auch Enttäuschung, Verlust und Angst kennen. Auch motorisch leistet ein gesundes Kleinkind Großartiges: binnen kurzer Zeit wird es vom liegenden Säugling über das krabbelnde Baby zum unermüdlich herumlaufenden Kleinkind. Es lernt Stiegen steigen und Klettergerüste zu erklimmen, die ein Vielfaches seiner Körpergröße betragen. Die beste Förderhilfe in jener Zeit ist eine fixe Bezugsperson, die das Kind bei all diesen Abenteuern liebvoll begleitet.

 

Schwächen fördern

Mütter und Väter, die viel Zeit mit ihrem Kind verbringen, entdecken sehr rasch wo neben der Begabung die Schwachpunkte ihres Kindes liegen. Gerade beim ersten Kind denken Eltern oft: "Mein Kind ist das Beste und Begabteste von allen!" Spätestens am Spielplatz, im Warteraum des Arztes oder bei Besuchen im Bekanntenkreis kommt das Erwachen: andere Kinder können manches besser als das eigene Kind, sind weiter entwickelt, redegewandter oder motorisch geschickter!

Diese Tatsache ruft bei den meisten Eltern Besorgnis hervor, die allerdings nur in bedingtem Maß gerechtfertigt ist. Bei sehr auffälligen Entwicklungsverzögerungen, wenn etwa ein Vierjähriger noch kaum spricht, ein Vorschulkind extrem ablehnend auf Buchstaben oder Zahlen reagiert oder ein Fünfjähriger sehr ungeschickt ist, sollten Eltern mit Fachleuten wie Kinderarzt, Kindergartenpädagogin oder Logopäden bzw. Ergotherapeuten Rücksprache halten.

Meist ist keine medizinische oder therapeutische Hilfe notwendig. Kleine Tipps und Ideen für den Alltag können helfen die Wahrnehmung und Geschicklichkeit des Kindes zu trainieren. Langzeitstudien haben etwa ergeben, dass frühzeitig liebevoll begleitete Kinder mit leichten Teilleistungsschwächen (Gleichgewichtssinn, Akustik, Optik, Raumgefühl, Geschicklichkeit) im Schulalter weitaus seltener ausgeprägte Leserechtschreib-, Rechen- und andere Lernschwächen entwickeln.

 

Gefördert - gefordert - überfordert

Die optimale Förderung für das Kind zu finden bleibt ein Balanceakt. Die Gefahr der Überforderung und Überförderung ist - gerade beim ersten Kind - groß. "Mein Kind soll den besten Start ins Leben haben!" bewegt besorgte Eltern zu einem Zuviel an Lernspielzeug, Büchern, Kursen und Förderunterricht für Kleinstkinder. Einzeln betrachtet haben alle Angebote ihre Berechtigung und sind gut. In Summe ergeben sie ein Zuviel.

Besser ein stressfreies Liedersingen mit dem Kind vor dem CD-Player als eine Stunde Autofahrt in der Mittagshitze zur musikalischen Früherziehungsstunde. Gemeinsames Tollen am Wohnzimmerteppich ist nicht weniger wertvoll als der Mutter-Kind-Turnkurs! Hauptsache ist: Eltern und Kind(er) verbringen eine fröhliche, unbeschwerte Zeit miteinander, denn am besten und erfolgreichsten lernt das Kind, wenn es gar nicht merkt, dass es gerade gefördert wird!

Auch alte Sprichwörter können irren: Was Hänschen nicht lernt, kann Hans eines Tages trotzdem können. Nämlich dann, wenn der kleine Hans seine Fähigkeiten und Talente bereits frühzeitig anwenden darf und in seinen Schwächen liebevoll von den Eltern unterstützt wird.

 

Literaturtipps:

Stoppard Miriam: So fördere ich mein Kind

Roswitha Wurm: Leserechtschreibschwäche


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