Keine Angst vor dem Kindergarten

Keine Angst vor dem Kindergarten
Foto: shutterstock/vitmark


Der kleine Florian besucht nun schon seit einigen Wochen den Kindergarten. Durch Bilderbücher, Gespräche und einige Besuche im Kindergarten hat Sabine ihren Sohn bestens auf den ersten Schritt in die Welt außerhalb der Familie vorbereitet. Dabei hat die junge Mutter an alles gedacht, wie Florians unkomplizierter Start in den Kindergartenalltag beweist. Nur eines hat sie außer Acht gelassen: ihre eigene Reaktion auf den Abschied von ihrem Sohn! Sabine fällt das Loslassen schwer. Einerseits freut sie sich über Florians guten Einstieg, andererseits kränkt sie sich ein wenig wie leicht ihm der Abschied von der Mutter zu fallen scheint!

 

Lebenseinschnitt

Der Eintritt in den Kindergarten bedeutet nicht nur für das Kind, sondern für die ganze Familie eine große Umstellung. Das Kind muss sich zeitweilig von der Familie lösen, andererseits völlig neue Anforderungen erfüllen. Dieser Loslösungsprozess gibt der nächsten Bezugsperson - meist der Mutter - Freiraum für eigene Interessen, aber auch eine Neugestaltung ihres Tagesablaufs. Meist fällt der Zeitpunkt auch mit einem beruflichen Widereinstieg zusammen. Dies hat Einfluss auf die ganze Familienstruktur und die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander.
Diese Umbruchsphase bereitet Müttern oftmals mehr Schwierigkeiten als ihnen lieb ist! Plötzlich werden sie scheinbar nicht mehr so intensiv von ihrem Kind gebraucht, das erste kleine Schritte in die Welt der Selbständigkeit wagt.

Dieses Erlebnis ist für Kinder jedes Alters mit viel Aufregung verbunden: je jünger es ist, umso mehr pädagogische Unterstützung benötigt es. Und diese bekommt es auch von Großeltern, Eltern, älteren Geschwistern und natürlich in erster Linie von den Kindergartenpädagoginnen. Auch Mütter und in zunehmendem Maße besorgte Väter brauchen in den ersten Wochen und Monaten Hilfe, um sich von ihrem Kind zu lösen.

 

Pädagogische Begleitung der Eltern

Die vierfache Mutter und Kindergartenpädagogin Bettina Huber aus Wien weiß um die Nöte und Ängste der Eltern. "Beim Abschied weinen manche Kinder. In den meisten Fällen beruhigt sich das Kind rasch wieder und spielt den ganzen Tag vergnügt. Wenn die Mutter oder der Vater das Kind Stunden später abholt, gibt es oft wieder Tränen. Die Eltern sind dann natürlich entsetzt und denken: mein Kind hat den ganzen Tag geweint! Die fröhlichen Stunden dazwischen hat der Elternteil ja nicht beobachten können!"

In mehr als zwanzig Jahren Berufserfahrung hat die engagierte und beliebte Kleinkindpädagogin Strategien überlegt, die Eltern und Kindern den Abschied erleichtern. Sie dokumentiert gerade in der Anfangsphase das fröhliche Spiel und das glückliche Lachen der Neulinge in der Gruppe mit der Digitalkamera und zeigt den besorgten Eltern beim Abholen welche schönen Momente das Kind untertags erlebt hat. "Dieser Tagesbericht erleichtert der Mutter den Abschied vom Kind. Sie merkt: Mein Kind wird im Kindergarten gut betreut. Es fühlt sich dort wohl". Diese Sicherheit erleichtert Müttern auch den Wiedereinstieg in die Arbeit.

 

Kein schlechtes Gewissen

Doch gerade der Gedanke: "Ich deponiere mein Kind im Kindergarten, damit ich arbeiten kann!" plagt so manche Mutter. Oftmals wird das schlechte Gewissen von außen suggeriert. Eine "working mum" wird mit einer Rabenmutter gleichgesetzt.
"Viele Paare werden spät Eltern und bekommen von ihrer Umgebung zu hören: Jetzt hast du endlich dein Kind und schon gibst du es wieder her!" Wenn Bettina Huber Unsicherheit und Traurigkeit bei einer Mutter bemerkt, sucht sie das Gespräch. Meist sind die Frauen erleichtert, dass ihr Problem zur Sprache kommt und schütten ihr Herz gerne der Kindergartenpädagogin aus. Gemeinsam suchen Mutter und Tagesbetreuerin nach Lösungen für den schwierigen Ablöseprozess. Alleine das Gefühl in ihren Problemen ernst genommen zu sein, bewirkt bei den meisten Müttern schon eine Milderung ihres schlechten Gewissens.

 

Ablöseprozess

Frau Huber ist erst vor kurzem selber in den Beruf zurückgekehrt. Ihre beiden Jüngsten, dreijährige Zwillinge, stehen gerade im Ablösungsprozess von ihrer Mutter. Bettina Hubers Gefühle sind zwiespältig: als Kindergartenpädagogin weiß sie, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind und gefördert werden, als Mutter steht sie vor dem gleichen Trennungsschmerz wie jede andere Frau.
Hat sie deswegen ein schlechtes Gewissen? "Nein, viel mehr versuche ich die freien Stunden mit den Zwillingen zu genießen. Die kinderfreie Zeit nütze ich für Besorgungen und Erledigungen. Danach hole ich meinen Sohn und meine Tochter entspannt vom Kindergarten ab. Und freue mich sehr sie wieder zu sehen und ihnen ungeteilt Aufmerksamkeit widmen zu können. Genau das rate ich auch allen Eltern, besonders den Müttern mit Ablöseproblemen". Einer vierfachen Mutter nehmen betroffene Eltern diese Ratschläge auch gerne ab! Denn Bettina Huber rät nichts, was sie nicht selber täglich erlebt!

 

Mutterinstinkt

"In der Eingewöhnungsphase baute sich einmal ein kräftiger Vierjähriger vor meinem kleinen Jakob auf und schaute ihn herausfordernd und bedrohend an. Erschrocken verfolgte ich die Szene: Jakob hatte Angst vor dem "großen" Buben! Als Mutter hatte ich das dringende Bedürfnis meinen armen Kleinen sofort in die Arme zu nehmen und zu beschützen".

Die Kindergartenpädagogin in mir dachte beruhigt: "Jakob ist im Kindergarten gut aufgehoben. Er wird mithilfe der Kindergärtnerin und durch Erfahrungen mit anderen Kindern Konflikte bewältigen lernen. Mein Part dabei ist: eine zufriedene Mutter zu sein, die ihm und seiner Schwester die Umstellung auf das Kindergartenleben so einfach wie möglich macht. Und das passiert nur: wenn ich meine Ängste nicht zu den Ängsten der Kinder mache, sondern den Kindergartenpädagoginnen zutraue, dass sie ihre Arbeit gut machen!"

Die Frage aller Fragen beim Kindergarteneinstieg lautet also: Bin ICH bereit mein Kind anderen Bezugspersonen anzuvertrauen? Lautet die Antwort "ja", dann werden sie dort "das Kind schon schaukeln"...


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