Kinder fördern

Kinder fördern
Foto: shutterstock/Kiselev Andrey Valerevich


Wer etwas darüber erfahren möchte, wie Kinder heute erzogen werden, der braucht nur Spielzeugkataloge zu studieren. "Mit diesen bunten Spielzeugen (sic) werden so ganz nebenbei Fingerfertigkeit, Geschicklichkeit, Koordination und Kreativität gefördert", ist da zu lesen. "Sie lernen spielerisch Zahlen, Farben und erste Begriffe aus der Musik wie Tempo, Tonhöhe und Stil ... dieses Bilder- und gleichzeitig Liederbuch sorgt für Babys erste Lernerfolge!" Lernspaß ist das Schlagwort, mit dem heute buntes Holz- und Plastikzeug für Kinder ab dem Tag der Geburt verkauft wird.

 

Kleiner Einstein

Auch die Kleinsten der Kleinen, sagt die Werbewelt, spielen nicht einfach nur. Sie lernen. Spielerisch, natürlich. Das fängt bei der Mozart-CD für den Babybauch an und geht über die klassische  Motorikschleife bis hin zu dreisprachigen Zahlenlern-DVDs für Kinder ab neun Monaten. Denn warum sollten wir die Zeit bis zum Schuleintritt sinnlos vergeuden? Wir wissen heute, dass Kleinkinder mehr sind als halbgare Erwachsene. Wir wissen, wie hervorragend die Wahrnehmung, die Auffassungsgabe und die Lernfähigkeit der Vorschulkinder sind. Dementsprechend geben sich viele Eltern heute wesentlich mehr Mühe, das Potenzial ihrer Kinder zu fördern. Mit den Worten des Wiener Entwicklungspsychologen Dr. Helmuth Figdor: "Die Verführung ist natürlich riesengroß, möglichst viele Ausbildungsziele in die ersten Jahre hineinzustopfen".

 

Anregung zum Programm

Förderangebote gibt es zuhauf: Spielgruppen, Babygymnastik, Babyschwimmen, musikalische Früherziehung und Early English ab dem ersten Geburtstag sind nur einige davon. Die meisten dieser Angebote sind für sich absolut sinnvoll. Oft ist ein fixer Termin mit Förderprogramm eine wunderbare Gelegenheit für Eltern und Kind, gemeinsam Spaß zu haben und neue Dinge auszuprobieren. Doch die Gefahr, dass es nicht bei dem einen gemeinsamen Termin bleibt, ist groß.

 

Volle Kalender

"Zwei Fixtermine in der Woche wären für Kleinkinder mehr als genug. Aber viele Eltern haben vier bis fünf davon", erzählt Katharina Kamelreiter, die als Geschäftsführerin des Vereins "Kind & Kegel" selbst Kleinkindgruppen anbietet. "Das Thema Förderung geht einen Weg, der uns aus pädagogischer Sicht Sorgen macht. Mit dem Anspruch, das Beste zu wollen, wird die Kleinkindförderung übertrieben. Sie geht an den eigentlichen Bedürfnissen der Kinder vorbei". Übertreiben bedeutet nicht nur zu viel, sondern auch zu früh. So beschwerte sich eine Mutter bei Kamelreiter einmal lautstark darüber, dass es in Wien kein Theaterangebot für Einjährige gebe. Dass ihr Kleiner von einem Theaterstück völlig überfordert wäre, war dieser Mutter nicht bewusst.

 

Baby im Stress

Über-förderte Kleinkinder erleben damit etwas, was uns Erwachsenen bekannt vorkommen dürfte: Stress. Und wir wissen, wie Stress sich auswirkt: Es bleibt vor lauter Arbeit all das auf der Strecke, was eigentlich am wichtigsten wäre. "Die Gefahr ist, dass die Entwicklung der Emotionalität dabei zu kurz kommt. Und ohne Emotionalität gibt es keine Kreativität", sagt Helmuth Figdor. Der Psychoanalytiker beschreibt die Situation im Gespräch mit "Fratz & Co" mit einem musikalischen Bild: "Man kann sich das wie eine Orgel vorstellen, wobei der Luftstrom, der durch die Orgel gepumpt wird, der Lebensenergie eines Kindes entspricht. Je mehr Pfeifen die Orgel hat, desto tollere Melodien kann man spielen. Wenn nur zwei, drei Pfeifen vorhanden sind, entsteht ein ziemlicher Druck. Wenn es aber zu viele Pfeifen gibt, wird irgendwann die Luft knapp. Man hat dann zwar eine wunderbare Klaviatur, die Eltern müssen aber künstlich Luft reinpumpen, damit noch Töne kommen".

 

Freies Spielen

Die Luft, die den überforderten Kindern fehlt, ist die Zeit zum Spielen. Freies Spiel, ohne jegliche Vorgabe, ohne Ziel, ohne Programm und ohne Einsagen der Eltern gehört zum Wertvollsten und Wichtigsten für jedes Kind. Und ohne das Spiel gibt es auch kein Lernen: "Die Kinder brauchen Zeit und Raum, etwas Erfahrenes auch zu tun und umzusetzen. Wenn Kinder von einem Termin zum andern geschleppt werden, haben sie keine Zeit dazu", beschreibt Katharina Kamelreiter das Phänomen. Beim freien Spielen sind die Kinder in ihrer eigenen Kreativität gefordert, können aus dem Nichts Szenen, Situationen oder Träume erschaffen und wieder verwerfen. Sie erforschen ihre Umgebung und experimentieren mit allem, was ihnen in die Finger kommt. Das Handy kommt in den Videorekorder, der Teddy in die Küchenlade, der USB-Stick in den Geschirrspüler - lauter faszinierende Experimente. Mit Eigeninitiative, Mut und auch einer gesunden Portion Frustrationstoleranz erobern sich die Kinder ihre Welt. Und sie schütten sich so einiges von der Seele, wenn zum wiederholten Male die Bauklötze durch die Gegend fliegen.

 

Lernparadoxon

Für manche Eltern mögen diese Aktionen sinnlos, ja sogar destruktiv oder aggressiv wirken. Tatsächlich hat aber alles, was die Kleinen tun, einen Sinn. Sie machen Erfahrungen und lernen dadurch. "Kinder brauchen genug Zeit zum Spielen, etwas aus sich heraus zu tun. Das ist die Grundlage des Lernens. Wenn das nicht gelernt wird, kommt es später in der Schule zu Problemen. Das Kind fragt ständig ‚und was kommt jetzt?" und kann sich kaum konzentrieren", bringt es Katharina Kamelreiter auf den Punkt. Das ist wohl das größte Paradoxon der Kleinkind-Förderfalle: Wenn Kinder zu früh lernen müssen, werden sie nie das Lernen lernen.

Das Beste und mehr

Die Balance zu halten zwischen gesunder Förderung und Überforderung, das ist die Aufgabe der Eltern. Diese wird dadurch nicht leichter, dass die meisten Eltern unserer Generation ihre Kinder immer später im Leben haben, und dass viele von uns davor noch nie ein Kind haben aufwachsen sehen. Katharina Kamelreiter: "Dazu kommt eine Informationsflut zum Thema Kindererziehung. Das eigene Gefühl wird dann oft gering geschätzt. Und das Wissen der Großeltern, von dem man profitieren könnte, wird nicht mehr angenommen". Das Resultat ist große Verunsicherung. Man will das beste für sein Kind, und weil man sich kaum entscheiden kann, was das ist, macht man einfach alles. "Eltern waren noch nie so im Stress wie heute. Es ist eine Überforderung, die aus den eigenen hohen Ansprüchen kommt", so Kamelreiter. 

 

Kinderwünsche

Es lohnt sich also, eine Kontrollfrage zu stellen: Was sind die Bedürfnisse meines Kindes, was sind in Wirklichkeit meine Bedürfnisse? Wünsche nur ich mir einen dreisprachigen Hochbegabten mit Faible für theoretische Physik oder hat mein Kind tatsächlich diese Tendenzen? Tue ich meinem Kind einen Gefallen, wenn es alles bekommt, was ich nie hatte? Was will mein Kind wirklich? Das herauszufinden ist selbst dann nicht leicht, wenn das Kleine schon sprechen kann. Da hilft kein Experte und kein Programm. Nur das eigene Gespür für die Signale des Kindes - und der Mut, dem eigenen Bauch zu vertrauen.


Interview

"Die Kinder suchen sich, was sie brauchen"


Mag. Barbara Lehner, Pädagogin und Erziehungsberaterin, im Gespräch mit NEW MOM über Fördereltern, unbewusste Wünsche und die Freiheit zu spielen.

 

NEW MOM: Werden Kleinkinder heute überfördert?

Lehner: Ich würde nicht sagen, dass grundsätzlich zu viel gefördert wird. Es kommt immer auf die Beziehungsqualität der Eltern an. Die Frage ist, kann man wahrnehmen, wenn es dem Baby zu viel wird?

 

NEW MOM: Wo liegt die Problematik dabei, wenn Kinder zu viel Programm haben?

Lehner: Die Frage ist, wie sehr schon das Baby die Möglichkeit hat, von sich aus aktiv zu werden. Kann es herumschauen, ausprobieren, Dinge in den Mund nehmen, herumkrabbeln, Laden ausräumen, die Zeitung zerreißen? Dann kriegt es das Gefühl: Ich kann etwas bewirken! Wenn das Baby nichts darf, erlebt es das Gegenteil - es darf nichts bewirken.

 

NEW MOM: Warum ist denn das freie Spiel so wichtig?

Lehner: Beim Spielen verarbeiten die Kinder auch innere Konflikte, erleben sich als ganz groß und ganz klein, dürfen ihre Wut ausleben. Sie können den Papa einen Turm aufbauen lassen und ihn dann zusammen hauen, einmal die volle Kontrolle haben. Wenn sie von sich aus spielen, geht es ums Erforschen.

 

NEW MOM: Wie kommt es denn, dass Eltern es mit der Förderung übertreiben?

Lehner: Der Geist hinter vielen dieser Fördergeschichten ist, dass die Kinder den Vorstellungen der Eltern entsprechen sollen. Sie werden reguliert. Wenn ich aber als Kind immer nur brav erfülle, was die anderen vorgeben, dann werde ich nur ein guter Erfüller, aber nicht selbstbewusst.

 

NEW MOM: Wo würden Sie die Grenze ziehen zwischen sinnvoller Förderung und Überforderung?

Lehner: Man muss sich als Eltern fragen: Was dient der emotionalen Stärkung der Kinder, was verunsichert sie? In Ungarn ist es derzeit in Mode, die Kinder in einen österreichischen Kindergarten zu schicken, damit sie Deutsch lernen. Die Kinder werden also mit drei Jahren in ein Umfeld geschickt, in dem sie niemand versteht. Sie sind vollkommen ausgeliefert. Das kann nicht entwicklungsfördernd sein, davor muss man Kinder schützen.