Kinderschutz - Anzeigen beim Jugendamt

Kinderschutz - Anzeigen beim Jugendamt
Foto: shutterstock/ KonstantinChristian


November 2007:  Der 17 Monate alte Luca stirbt an einem Hirnödem im Wiener SMZ-Ost. Schockierend daran ist auch die Vorgeschichte, die nach und nach ans Licht kommt. Der leibliche Vater des Kindes erzählt, er sei in ständigem Telefonkontakt mit den zuständigen Jugendämtern gewesen. Nach ärztlichen Untersuchungen in Mödling und Schwaz war die Jugendwohlfahrt informiert worden. Luca durfte zu Hause bleiben, wenn auch unter Auflagen. Kurz vor Weihnachten kommt ein gerichtsmedizinisches Gutachten zum Schluss, dass Luca auch sexuell missbraucht worden war. Der 23-jährige Lebensgefährte der Mutter ist in Haft. Die Mutter selbst beteuert ihre Unschuld am Tod ihres Sohnes.

 

Ein ganz anderer Fall

Es läutet an der Tür einer jungen Mutter, die gerade versucht, ihr sechs Wochen altes Baby zu beruhigen. Vor der Tür steht eine unbekannte Nachbarin, die das Gespräch mit dem Satz "Mit Ihrem Kind stimmt etwas nicht" eröffnet. Es schreie so oft, auch in der Nacht. Nein, ihre Kinder hätten nie so geschrien. Die Versicherungen der jungen Mutter, dass man regelmäßig beim Kinderarzt und mit dem Kind alles bestens sei, kommen scheinbar nicht an. Sechs Wochen später folgt der Anruf des Wiener Jugendamtes: Man habe eine Meldung erhalten, zwei Sozialarbeiterinnen würden vorbeikommen, der Kinderarzt werde ebenfalls befragt. Ein Schock. Nach den dutzenden Fachbüchern, der Elternschule, den Erfahrungen vom ersten Kind, den durchwachten Nächten und allem, was für die Kinder gemacht wurde, jetzt das. Das Gespräch mit den beiden Sozialarbeiterinnen ist dann glücklicherweise entspannt und erfreulich. Der Fall wird sofort ad acta gelegt. Dennoch bleibt das ungute Gefühl, von einer nicht so kinderlieben Nachbarin mit tatkräftiger Hilfe der Jugendwohlfahrt gemobbt worden zu sein.

 

Zwischen den Extremen

Unterreaktion und Überreaktion: Sicherlich zwei Extreme in einem System, das insgesamt gut funktioniert. Der Dienstposten der Magistratsabteilung Elf der Stadt Wien bearbeitet jährlich immerhin 11.500 solche Meldungen (Stand 2006). Im Jahr 2001 waren es noch 5.277 Fälle. Was aber nicht unbedingt daran liegt, dass Gewalt und Missbrauch in der Familie kontinuierlich zunehmen, sondern insbesondere an der erhöhten Sensibilität der Öffentlichkeit gegenüber diesen Themen. Laut Daniela Attwood, Sprecherin der Mag Elf, ist das kein Zufall, sondern Resultat der jährlichen PR-Kampagnen zum Thema Kinderschutz ihrer Behörde. Schließlich ist das Jugendamt auf die Informationen des sozialen Umfelds potenzieller Krisenfamilien angewiesen.

 

Meistens Entwarnung

Glücklicherweise bleiben sieben von zehn Meldungen ohne weitere Konsequenzen. Gemäß den gesetzlichen Richtlinien und den internen Qualitätsstandards des Wiener Jugendamtes wird jeder Meldung nachgegangen. Vielfach ist, wie bei unserer jungen Mutter, die Vorsicht übertrieben und die Sache nach einem Gespräch und einigen Abklärungen erledigt. Noch öfter handelt es sich um einmalige Krisensituationen, wo schon ein paar gute Tipps der Leute vom Jugendamt ausreichen, um die Lage zu entspannen. "Oft geschieht das in einer Zeit, wo sich alles sehr zuspitzt, zum Beispiel Weihnachten. Das ist dann eine einmalige Situation, wo die Hilfe der Sozialarbeiterinnen oft willkommen ist", erzählt Daniela Attwood. Die Telefonnummer der Schreiambulanz, ein Hinweis, wo gute Tagesmütter zu finden sind oder die Versicherung, dass es anderen genau so geht, reichen da oft schon aus. Der Besuch des Jugendamtes kann sich also auch schnell von der vermeintlichen Strafe zum tatsächlichen Segen wandeln.

 

Unterstützte Erziehung

Bei den restlichen drei von zehn Familien treffen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter Situationen an, die sich ganz offensichtlich nicht mit einer netten Plauderei entspannen lassen. Typischerweise häufen sich die Probleme. Neben der Überforderung als Eltern (die ja, wenn sie ehrlich sind, alle Eltern kennen), kommen Rahmenbedingungen wie Arbeitslosigkeit, Armut, eine schlechte Wohnsituation, Alkoholismus oder aus der eigenen Kindheit mitgeschleppte psychische Probleme dazu. Hier wird meistens eine so genannte UDE eingeleitet, die Unterstützung der Erziehung. Das Kind bleibt in der Familie, aber die Eltern werden zu unterstützenden Maßnahmen verpflichtet, die der Familie wieder auf einen gangbaren Weg zurück helfen sollen. 26% aller Meldungen münden in solchen Maßnahmen.

 

Das letzte Mittel

In nur vier von hundert Fällen liegt eine so massive Gefährdung des Kindes vor, dass es aus der Familie genommen und bei Krisen-Pflegeeltern oder in einem Krisenzentrum untergebracht wird. Eine Maßnahme, die ganz bewusst sehr selten angewendet wird: "Weil es sehr traumatisierend ist, als Kind aus der Familie genommen zu werden, wenden wir, wenn irgend möglich, gelindere Mittel an. Da kann es passieren, dass die Unterstützung nicht greift", sagt Daniela Attwood. Wie auch beim kürzlich bekannt gewordenen Fall eines achtjährigen Mädchens aus Favoriten, das jahrelang von seiner alkoholkranken Mutter geschlagen wurde. Attwood: "Jeder dieser Fälle ist extrem bedauerlich und trifft uns sehr". Aus der Öffentlichkeit kommt nach bekannt werden solcher Geschichten verlässlich der Ruf nach einem Jugendamt, dass schnell eingreift, radikal durchgreift. Zögert man zu lang? Daniela Attwood verneint: "Wir sind nicht zögerlich. Wir brauchen die Zeit, um alles sorgfältig abzuklären. Manchmal sind wir zu spät mit unseren Angeboten. Es ist zu spät, dass das Angebot noch angenommen werden kann".


Retter oder Denunzianten

Bleibt zum Schluss die Rolle derer, die beim Jugendamt anrufen. Sie können das anonym tun oder mit ihrem Namen. Sie tun es aus echter, ehrliche Sorge oder um jemanden eins auszuwischen. Sie können damit einem Kind das Leben retten oder einer Familie das Leben schwer machen. Was ist also zu tun, wenn man selbst einen solchen schrecklichen Verdacht hat? Und wann ist so ein Verdacht begründet? Beispiele von Barbara Attwood: "Man hört ein Kind immer zu bestimmten Zeiten schreien, aggressive Erwachsenenstimmen und schlimmstenfalls klatschende oder dumpfe Geräusche. Die Mutter sieht vielleicht sehr mitgenommen aus, oder man sieht Zeichen der Gewalteinwirkung. Wenn man beim Kind die Spuren der Gewalt sieht, sollte man sofort anrufen". Auch eine Anzeige bei den Polizeibehörden ist möglich und, besonders in akuten Fällen, sinnvoll. In den meisten Fällen ist es aber angebracht, zunächst selbst bei der betroffenen Familie vorzusprechen.

 

Das Amt kommt

Und was, wenn man selbst beim Jugendamt gemeldet wurde? Wahrscheinlich wird einem die alte Angst, dass die vom Amt einem das Kind wegnehmen, in die Knochen fahren. Das ist verständlich, aber eben in 96% der Fälle unbegründet. Tatsächlich bietet die MA 11 und jede andere Jugendwohlfahrtsbehörde nichts Anderes als Hilfe an. Daniela Attwood rät, dieses Angebot in jedem Fall anzunehmen, auch wenn es unnötig erscheint: "Halten Sie den Termin ein und suchen Sie selbst das Gespräch. Selbst wenn es sich als übertriebene Vorsicht herausstellt - Sie haben zumindest die Chance, sich bei der Gelegenheit über die Angebote der MA 11 zu informieren".

 

Die Folgen

Ein Gerichtsverfahren wird zeigen, wer am Tod des kleinen Luca mit Schuld trägt. Unsere junge Mutter hat sich dagegen entschieden, ihre unbekannte Nachbarin wegen Verleumdung zu verklagen. Einerseits sind die Erfolgs-Chancen einer solchen Klage gering, andererseits wollte sie die ganze Geschichte lieber hinter sich bringen. Ihr kleiner Sohn ist kerngesund und hat gerade, mit noch weniger Geschrei, seinen zweiten Zahn gekriegt.

Service-Telefon des Jugendamts: (01) 4000 8011

http://www.wien.gv.at/menschen/magelf/