Lese-Rechtschreib-Schwächen, wenn die Buchstaben durcheinander purzeln

Lese-Rechtschreib-Schwächen, wenn die Buchstaben durcheinander purzeln
Foto: shutterstock/Andrey_Kuzmin


"Ich bin der Allerdümmste in der Klasse", stammelt er und schleudert das Heft wütend an die Wand. Elisabeth nimmt das Heft und liest die Bemerkung des Lehrers: Lieber Manuel, der Inhalt deiner Geschichte ist ganz ordentlich geschrieben, aber du machst einfach zu viele Fehler. Bemühe dich genauer zu arbeiten!

 

Als ob Manuel sich nicht wirklich anstrengen würde! Elisabeth zuckt mit den Schultern und streicht Manuel hilflos über den Kopf. Die junge Mutter weiß selber nicht, warum ihr eifriger und fröhlicher Sohn ganz unglücklich wird, sobald er Texte schreiben soll. Seine spannenden Geschichten sind voller rot angestrichener Rechtschreibfehler. Dabei übt er täglich seine Lernwörter so lange bis er sie richtig schreiben kann. Am nächsten Tag beim Diktat macht er dann wieder viele Fehler ...

 

"Wenn ich die Wörter in der Schule schreiben soll, habe ich den Eindruck, dass die Buchstaben durcheinander purzeln. Ganz schwindlig wird mir dann und ich habe keine Ahnung wie ich die Buchstaben wieder in die richtige Reihenfolge bringen soll!", meint Manuel jedes Mal, wenn seine Mutter nach einer Begründung für seine Rechtschreibfehler fragt.

 

Spezielle Leserechtschreibschwäche

Die Ursache für Manuels Probleme beim Lesen und Schreiben liegt in einer anlagebedingten (vererbbaren) speziellen Leserechtschreibschwäche, der so genannten Legasthenie begründet.
Eine differenzierte Wahrnehmung im Bereich des Hörens, Sehens und/oder der Raumwahrnehmung erschweren für Betroffene das Erlernen des Lesens und Schreibens erheblich. Hinzu kommt ein Aufmerksamkeitsproblem, das aber nur beim Schreiben und/oder Lesen zu beobachten ist. Bei anderen Tätigkeiten wie etwa dem Bauen von Legokonstruktionen oder beim Puzzle legen, weisen betroffene Kinder meist eine hohe Konzentrationsfähigkeit auf.

Beim Schreiben von Texten treten allerdings viele Fehler in der Rechtschreibung auf. Buchstaben werden vertauscht. Ein und dasselbe Wort wird im gleichen Aufsatz auf verschiedene Varianten geschrieben. Buchstaben werden ausgelassen oder zusätzliche hinzugefügt. Da dies keine Rechtschreibfehler im herkömmlichen Sinn, sondern Wahrnehmungsfehler sind,  benötigen legasthene Kinder neben dem Üben an ihren Fehlern und an ihrer Leseleistung, zusätzlich ein spezielles Teilleistungstraining - entweder bei speziell dafür ausgebildeten Pädagogen oder mit Hilfe des bereits von vielen Verlagen angebotenen Lernmaterials.

 

Lebensumstände bedingte Leserechtschreibschwächen

Passiert im Leben eines Schülers Unvorhergesehens wie Krankheit, der Tod eines nahen Angehörigen oder ein anderes Elementarereignis können Kinder plötzlich Leserechtschreibschwächen aufweisen. Diese sind unter Lebensumstände bedingte Lernschwächen einzuordnen und haben ihre Ursache u.a. in:

 

  • mangelnder Frühförderung
  • zu spät erkannten physischen Erkrankungen (Gehör, Sehsinn, Motorik,...)
  • schwierigen familiären Umständen oder Veränderungen (Übersiedlung, Geschwisterkind,...)
  • mangelnder Beschulung (was nicht ordentlich gelehrt und gelernt wurde, kann nicht angewandt werden)

 

Diese anlassbezogenen Lernschwierigkeiten sind unter allgemeine Leserechtschreibschwächen einzuordnen und haben den Vorteil, dass sie leichter zu korrigieren sind. Allerdings haben betroffene Kinder neben ihrer Leserechtschreibschwäche noch andere seelische Wunden zu heilen.

 

Freude am Lernen und Leben

Trotz interessanter Lernspiele, bunter Arbeitsblätter, origineller Computergames - ist das Üben allerdings nicht (immer) lustig - deswegen darf das Kind auch für seine Mühe belohnt werden! Wobei ideelle Geschenke wie gemeinsames Spielen, eine sportliche Aktivität oder ein Ausflug, materiellen vorzuziehen sind! Denn gemeinsame Zeit signalisiert dem Kind: "Du bist mir als Mensch wichtig - nicht deine Leistung!"

Mit dieser Sicherheit kann das Kind seine zusätzlichen Übungen leichter bewältigen. Denn Leistungsdruck schmälert die Erfolgschance. Eine angstfreie Lernatmosphäre hingegen ermöglicht leserechtschreibschwachen Kindern einen individuellen Zugang zur Buchstabenwelt. Und dies ohne Zeitdruck und Vergleich mit anderen Kindern.

Manuels Mutter ist froh, dass sie nun weiß, dass ihrem Sohn mit gezielten Übungen geholfen werden kann. Und dass er sein Leben meistern wird. So wie viele "Legastheniker" vor und nach ihm. Denn es gibt ein Leben jenseits der Leserechtschreibleistung eines Menschen. Und dieses Leben ist schön!