Mehrsprachige Erziehung

Mehrsprachige Erziehung
Foto: PantherMedia/FamVeldman / Author: Roswitha Wurm


Alessandro spricht Italienisch, Nina Deutsch. Als die beiden gemeinsam eine Familie gründen, sind
sie sich einig: Ihre Kinder sollen beide Sprachen und Kulturen kennen und lieben lernen. Kann das
gelingen? Oder droht, was einige ihrer Verwandten befürchten: dass die Kinder ihre Identität niemals
finden und später einmal nirgends zu Hause sein werden?

Mag. Zwetelina Ortega ist nicht nur Mutter zweier multilingual erzogener Kinder, sondern selbst in einer mehrsprachigen Familie mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. Der Sprach- und Literaturwissenschaftlerin ist anzusehen, wie sehr sie Sprache im Allgemeinen und Mehrsprachigkeit
im Speziellen liebt. Ob in Workshops oder Beratungsgesprächen: In ihrer Praxis Linguamulti unterstützt sie auch andere dabei, die Mehrsprachigkeit in Familie, Schule, Kindergarten oder Unternehmen erfolgreich zu leben. Für Kinder ist Mehrsprachigkeit eine tolle Chance. Bereits in jungen Jahren lernen sie mehrere Sprachen, werden weltoffen und multikulturell. Oder, wie Zwetelina Ortegas kleine Tochter treffend sagte, als sie vom Besuch in Spanien nach Österreich kam: "Ich fahre von Zuhause nach Zuhause." Stimmt ja: Denn hier wie dort ist sie mit Sprache und Kultur vertraut. Wissenschaftlich ausgedrückt: Hier werden Multikulturalität und Multilingualität gelebt!
Wie aber erziehe ich mein Kind mehrsprachig? Die Expertin Zwetelina Ortega gibt 10 wichtige Tipps an:


1. EINE PERSON PRO SPRACHE

Jeder Elternteil bleibt in der Kommunikation mit dem Kind konsequent bei seiner Sprache. Diese elternbezogene Sprache vermittelt dem Kind die emotionale Sicherheit, die es für den Spracherwerb und die Identitätsfindung benötigt. Bei Familie Ortega spricht der Papa mit den Kindern Spanisch, die Mama Bulgarisch. Im Kindergarten und in der Nachbarschaft lernen sie Deutsch.


2. MIT GÄSTEN SPRECHEN

Wenn Gastkinder zu Besuch sind, die nicht Bulgarisch sprechen, lockert Zwetelina Ortega die "Eine Person, eine Sprache"-Regel ausnahmsweise: "Dann spreche ich auch mit meinen Kindern Deutsch, um das Gastkind nicht auszuschließen." Wichtig ist, dass sich die Eltern über die multilinguale Erziehung einig sind. Dann wird sie meist auch von der Umgebung akzeptiert. Manchmal kommt es zu Differenzen mit den Großeltern, die die Sprache des Enkelkindes oder des Schwiegerkindes nicht beherrschen. Ein offenes Gespräch mit Oma und Opa hilft, klar zu machen, dass niemand sprachlich ausgeschlossen werden soll. Vielmehr geht es um die natürliche Kommunikation mit dem Kind. Kleinkinder sind verwirrt, wenn sie von der Mama plötzlich in einer anderen Sprache angesprochen werden.

3. DOMINANTE UND SCHWACHE SPRACHE

Meist beherrscht das Kind jene Sprache, die in der Familie gesprochen wird, zunächst besser. Kein Grund zur Sorge, sondern eine normale Entwicklung. Eine ausgeglichene Sprachkompetenz in zwei oder mehreren Sprachen ist sehr selten. Sobald das Kind allerdings in eine Betreuungseinrichtung kommt, verändert sich die Dominanz in Richtung Umgebungssprache.

4. STOLZ SEIN AUF DIE EIGENE SPRACHE

Warum fühle ich mich mit unserer Zweisprachigkeit unwohl? Um das multilinguale Familienprojekt durchzuziehen, ist es wichtig, zur eigenen Sprache und Kultur zu stehen. Besteht Unsicherheit oder gar Gespaltenheit, gibt man sie an das Kind weiter.

5. SPRACHBEWUSSTSEIN WECKEN

Bereits im Kleinkindalter kann man mit dem Kind über seine Mehrsprachigkeit reden und ihm Fragen dazu stellen, etwa: "Weißt du, wie der Papa zu diesem Gegenstand sagt?" oder "Wie nennst du das im Kindergarten?" Entscheidend ist dabei nicht die richtige Antwort des Kindes. Es zeigt den Eltern vielmehr, wie das Kind mit der Sprache umgeht und wo es sprachlich steht. Und wenn das Kind die Sprachen mischt? "Das gehört zur frühen zweisprachigen Entwicklung dazu. Mit der Zeit und der voranschreitenden Entwicklung geht das Mischen der Sprachen zurück."

6. SPRECHEN VON ANFANG AN

Spracherwerb beim Kind setzt ein, wenn das Kind zu hören beginnt: im Mutterleib.
Wenn ein Kleinkind brabbelt, kann man es in der jeweiligen Sprache ansprechen. Wortmelodien prägen sich so bereits in der frühkindlichen Phase ein. Zudem lernt das Kind von Anfang an zu kommunizieren - was in einer multilingualen Familie besonders wichtig ist.


7. REICHHALTIGES SPRACHANGEBOT

Sprache soll und darf Spaß machen. Am erfolgreichsten in der Vermittlung einer Sprache und der damit verbundenen Kultur sind Eltern, die selbst Freude an ihrer Sprache und an Kommunikation haben, die dem Kind mit Kinderbüchern, Schlafliedern, Bräuchen, Speisen und vor allem mit regelmäßigen Besuchen im eigenen Herkunftsland auch den kulturellen Hintergrund der Sprache weitergeben.


8. EIFER UND BEMÜHEN DES KINDES LOBEN

Für ein mehrsprachiges Kind ist es nicht immer leicht, sich zu integrieren. Sprache passiert in diesem Fall nicht einfach so nebenbei. Sprachliche Errungenschaften des Kindes dürfen von den Eltern gelobt werden. Das motiviert das Kind!

9. EIN LEBENSLANGES PROJEKT

Bei einem einsprachig erzogenen Kind ist die Sprachentwicklung mit Ende der Grundschule weitgehend abgeschlossen. Nicht so bei mehrsprachig erzogenen Kindern. Wenn Mutter oder Vater die einzige Person ist, die eine Sprache mit dem Kind pflegt, verliert sie (schwächere Sprache) an Attraktivität.
Es ist wichtig, dass das Kind die Möglichkeit bekommt, mit Gleichaltrigen in dieser Sprache zu kommunizieren. Manchmal verweigern Kinder in einer bestimmten Entwicklungsphase eine Sprache. Auch da gilt: Freude als Basis. Wenn kein großes Drama daraus gemacht wird, gibt sich diese Verweigerung manchmal von selbst. Die Sprache soll freiwillig gesprochen werden. Manchmal fällt es den Kindern einfach schwer, wenn sie aus der Schule oder aus dem Kindergarten kommen, von Deutsch auf die Mutter- oder Vatersprache zu wechseln: "Mama, meine Zunge ist noch auf Deutsch eingestellt!"
Häufig befürchten Eltern auch, dass ihr mehrsprachig erzogenes Kind später zu sprechen beginnt oder einen kleineren Wortschatz hat als einsprachig erzogene Kinder. "Man kann und soll ein
mehrsprachiges Kind nicht mit einem einsprachigen vergleichen", merkt Zwetelina Ortega dazu an. „Es kann durchaus sein, dass ein multilinguales Kind einige Monate später als der Durchschnitt zu sprechen beginnt, aber das kommt auch bei einsprachig erzogenen vor. Wissenschaftlich belegt ist dies jedenfalls nicht! Was den Wortschatz betrifft, ist es sicher so, dass jener in der dominanten Sprache größer ist als in der schwächeren."
Individuelle Sprach- oder Lernschwächen betreffen mitunter natürlich auch mehrsprachig erzogene Kinder. Das heißt: Möglicherweise tun sich manche Kinder schwer, mehrere Sprachen zu lernen. Wenn allerdings der Papa und seine Verwandten diese Sprache sprechen, ist das Kind meist motiviert, sie zu erlernen.

10. ZWEISPRACHIGE ERZIEHUNG BEI ZWEI DEUTSCHSPRACHIGEN ELTERNTEILEN?

Macht es Sinn, seine Kinder zweisprachig zu erziehen, wenn kein Elternteil die andere Sprache als Muttersprache hat? "Es macht nur Sinn, wenn derjenige die Sprache annähernd wie eine Muttersprache spricht!", erklärt Zwetelina Ortega. "Sprache ist, wie wir die Welt sehen. Sie hat eine kulturelle Dimension. Dies muss man mitbringen. Wenn man das nicht hat, dann kann man die Sprache nicht in ihrer vollen Dimension vermitteln." Möglich ist es, wenn man die Möglichkeit hat, das Kind in eine bilinguale Bildungseinrichtung zu schicken.


Mag. Zwetelina Ortega
Elternberatung Linguamulti
Therapiezentrum Gersthof
1180 Wien, Klostergasse 31–33

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