Oma gesucht und gefunden

Oma gesucht und gefunden
Foto: shutterstock/Pressmaster


Ein Wunschtraum für die meisten berufstätigen Mütter! Nur wenige haben eine Mutter, Schwiegermutter oder andere Verwandte in ihrem Lebensumfeld, die sich zu beliebiger Zeit als kostenlose Kinderbetreuung  zur Verfügung stellen. Selbst wenn leibliche Großmütter in der Nähe wohnen, sind diese zumeist selber berufstätig oder zumindest im aktiven Ruhestand mit allerlei Unternehmungen beschäftigt.


Oma sehr gesucht

Meist wohnen die Eltern allerdings weit entfernt oder sie sind nicht mehr am Leben.
Karin und Gerhard Komon haben beide schon früh die Mutter verloren. Als Ihr Sohn Patrick (heute 10) geboren wird, erleben sie das Fehlen einer Großmutter ganz besonders. In der Karenzzeit funktioniert der Tagesablauf noch ganz gut, und trotzdem sehnt sich Karin nach einer älteren Gesprächspartnerin, die ihr auch einmal das Baby abnimmt und sich mit ihr an dem Kleinen freut - eine Oma eben.
Schwierig wird es als Karin wieder zu arbeiten beginnt und Patrick in den Kindergarten kommt. Wie die meisten Kinder lässt Patrick im ersten Kindergartenjahr keine Infektion und  keine Kinderkrankheit aus. Karin hat bald ihren gesamten Pflegeurlaub aufgebraucht und auch ihr Mann Gerhard kann sich nicht einfach frei nehmen, wenn der Kleine krank ist. Karins Vater wohnt am anderen Ende der Stadt und so ist sie auf die Hilfe des Vereines Sozial Global angewiesen. Das klappt auch sehr gut. Nach Möglichkeit schickt dieser Verein stets dieselbe Betreuungsperson zu einem Kind. Die Dame, die Patrick betreut, hat einen sehr liebevollen Umgang mit dem Buben. Aber für Patrick ist es schwierig eine Beziehung zu der Betreuerin aufzubauen, denn sie ist immer nur dann für ihn da, wenn er krank wird. Sobald er gesund ist, verabschiedet sie sich wieder aus seinem Leben. Für den kleinen Patrick ist das eine groteske Situation.

 

Oma nach Wahl

Und plötzlich ist sie da! Zuerst sieht Karin nur die Umzugskisten, aber dann begegnet sie der freundlichen älteren Dame im Stiegenhaus. Stefanie Kapitola hatte es nach dem Tod ihrer Mutter nicht mehr in ihrer alten Wohnung ausgehalten. So packte die allein stehende Frau kurzer Hand ihre Habseligkeiten zusammen und zog in ein Neuzuzugsgebiet am Wiener Stadtrand. Eigentlich war es eine verrückte Idee von einer großen Wohnung in eine noch größere zu ziehen. Heute weiß Stefanie, dass diese Entscheidung richtig war. Denn der größte Wunsch ihres Lebens geht für sie in Erfüllung: sie trifft die junge Familie Komon und mit ihr den kleinen blonden Patrick, den sie sofort ins Herz schließt.


"Es war ein Verstehen auf den ersten Blick!" Da sind sich Karin und Stefanie einig. "Die Chemie zwischen uns hat einfach von Anfang an gepasst!" Und so wird aus den flüchtigen Begegnungen im Hausflur mehr. Zunächst dauern die Unterhaltungen immer länger, dann laden sich die Frauen gegenseitig ein und schließlich wird Stefanie eine ganz wichtige Bezugsperson für Patrick. Stefanie erinnert sich, dass sie selber mit vier Jahren ihre geliebte Oma verloren hat. Sie fühlt noch heute den tiefen Schmerz, den sie damals empfunden hat. Umso mehr freut sich die kinderlos gebliebene Frau, dass sie nun im Alter doch noch  Großmutter sein darf.

 

Familienanschluss

Sie bleibt bei Patrick wenn er krank ist, spielt gerne mit ihm und lauscht seinen Berichten über den Kindergartenalltag. Mit seinem Schuleintritt kommt noch eine weitere wichtige Aufgabe auf sie zu. Die Lehrerin benötigt regelmäßig Begleitpersonen für Ausflüge. Stefanie ist gerne bereit mitzukommen und so hat auch Patrick eine "Adoptivoma" vorzuweisen, wenn die anderen Kinder von ihren Großmüttern begleitet werden. 

"Ist das deine Oma?" fragen die Mitschüler als Stefanie das erste Mal in die Schule kommt. "Nein, das ist meine Nachbarin, die Steffi!" erklärt der aufgeweckte Bub. Und so ist es bis heute geblieben. Ist Stefanie traurig, dass Patrick sie nicht "Oma" nennt?

"Darauf kommt es nicht an", meint die pensionierte technische Angestellte. "Patrick und ich haben ein sehr offenes und gutes Verhältnis. Oft kommt er abends noch auf einen Sprung bei mir vorbei und erzählt mir eine Neuigkeit. Am Wochenende lädt mich Familie Komon auch oft zu gemeinsamen Ausflügen ein. Wir sind alle sehr an Kunst interessiert und besichtigen die verschiedensten Orte gemeinsam".

Stefanie ist eine "Oma der Herzen" für Familie Komon. Niemand möchte sich ernsthaft ein Leben ohne den anderen vorstellen. Zu sehr ist die junge Familie mit der älteren Dame schon zusammengewachsen!


Patrick ist nicht Stefanies erstes "Wahlenkelkind". Längere Zeit kümmerte sie sich um die drei Kinder einer allein erziehenden Mutter. Doch über ein Dienstverhältnis ging dieses Wahlomadasein nicht hinaus. Stefanie betreute auch diese Kinder gerne, aber ihr Herz hat sie an Patrick verloren. Stefanies Augen glänzen wenn sie von ihrem tüchtigen, wissbegierigen und manchmal schonungslos ehrlichen Patrick erzählt. Ihr Wunsch für die Zukunft: Gesund bleiben für Patrick und noch vieles gemeinsam mit ihm zu erleben: Urlaubsreisen, Museumsbesuche, Ausflüge, Theaterbesuche und Opernvorstellungen. "Wenn Patrick das dann überhaupt noch möchte! Besser ist es wohl: ich genieße jeden Tag mit dem Buben, an dem ich noch so wichtig für ihn bin!"


Stefanies Worte klingen nicht anders als die einer leiblichen Großmutter! Patrick fordert seine Nachbarin auch wie ein richtiges Enkelkind und muss auch immer wieder einsehen, dass Stefanie nicht mehr alles so gut kann wie früher: Fußball spielen zum Beispiel. 


Karin, ihre "Wahlschwiegertochter", weiß was sie an Stefanie hat und sie würde sie nie mehr hergeben. Wo man solch einen Schatz wie Patricks Wahloma suchen kann?  Nirgends, ist Karin überzeugt. Man kann Menschen wie Stefanie nur finden, indem man offen auf andere zugeht und nichts erzwingen möchte.


Leihomadienst

Wer weniger Zeit und Geduld hat, um auf ein Omawunder zu hoffen, dem bleibt der Weg zu einem Leihomadienst.

Die Kleinkindpädagogin Bettina Huber empfand schon immer eine gewisse Wehmut, dass ihren vier Kindern Großeltern fehlten. Besonders als sie während der Karenzzeit ihrer Zwillinge einige Stunden als Lerntrainerin arbeiten wollte, benötigte sie eine flexible und kostengünstige Betreuung für ihre Kids. Vom Leihomadienst erhielt Frau Huber fünf Adressen von älteren Damen, die auch gerne auf Zwillinge aufpassen wollten. Mariella und Jakob (knapp 3) warten jedes Mal sehnsüchtig auf die "Oma". Auch wenn die Leihoma nur wenige Stunden pro Woche bei der Familie verbringt, haben  die Zwillinge die ältere Dame in ihr Herz geschlossen. Besonders in den ersten drei Lebensjahren möchten viele Eltern ihre Kinder in den eigenen vier Wänden betreut wissen. Da ist die Suche nach einer Leihoma die beste Wahl.


Österreichweit gibt es derzeit als vermittelnde Institution bereits seit 1973 den Omadienst des katholischen Familienverbands, der konfessionsunabhängig Leihomadienste vermittelt. Die Leiterin des Omadienstes in Wien, Frau Andrea Beer, berichtet von über 600 erfolgreichen Vermittlungen im vergangenen Jahr. Suchende Familien entrichten entweder einmalig einen Beitrag von 45 Euro oder werden Mitglied des Verbandes mit sozial gestaffelten Jahresbeiträgen. Grundsätzlich wird so lange vermittelt bis eine passende Person gefunden wird. Beim Omadienst spielt sich alles auf der Beziehungsebene ab. Nicht immer passen Familie und Leihoma zusammen auch wenn der Leihomadienst sich durch Fragebögen über Wünsche, Lebenseinstellung, Familienstruktur, Belastbarkeit und Umfang des Kontaktes vorab eingehend informiert. 

 

Oma aus Berufung

"Manche potentielle Leihomas sind ehemalige Kindergärtnerinnen oder Lehrerinnen. Diese sind dann sehr geeignet für Mehrkindfamilien", erzählt Frau Beer aus der Praxis des Vermittlungsdienstes.


Die meisten Omas suchen Familienanschluss. Sei es weil sie keine eigenen Enkelkinder haben wie Stephanie oder weil ihre eigenen Enkelkinder sie nicht (mehr) als Betreuungsperson benötigen. So ist grundsätzlich beiden Seiten sehr geholfen: die junge Familie findet die ältere Bezugsperson, die so oft schmerzlich vermisst wird, und die Leihoma leidet nicht unter der gefürchteten Einsamkeit im Alter und wird ehrlich gebraucht.


"Natürlich ist auch der Zuverdienst für viele ältere Frauen interessant. Eine Aufbesserung der Pension stellen die empfohlenen 7 Euro pro Stunde (plus Fahrtgeld) allemal dar. Allerdings achten wir bei der Auswahl der geeigneten Personen sehr darauf, dass die finanzielle Komponente nicht an erster Stelle steht! Der Vorteil für die jungen Familien liegt aber auch im Ort der Betreuung: Leihomas kommen in der Regel zu den Wahlenkeln nach Hause. Gerade für kleine Kinder ist das Zuhausebleiben können sehr wichtig und von den Eltern auch gewünscht!", weiß die Leiterin des Omadienstes.


Davon ist auch Bettina Huber überzeugt, die bald wieder an ihren Arbeitsplatz in einem Wiener Kindergarten zurückkehren wird. Ob der Kontakt zur Leihoma dann weiter bestehen wird? "Sicher nicht in diesem Ausmaß, aber die Kleinen werden ihre "Oma" vermissen! Allerdings hat sich zu unserer Familie nicht dieser intensive Oma-Kontakt aufgebaut, nach dem sich Familien ohne Großeltern sehnen. Letztlich auch aus diesem Grund, weil ich die Leihoma nur wenige Stunden in der Woche benötige, da unsere beiden großen Söhne bereits im Teenageralter sind und auch zwischendurch auf die Kleinen aufpassen können!"


Junge Eltern haben an ihre zukünftige Leihoma unterschiedliche Zeitansprüche. Frau Beer erzählt: "Gerade eben bekam ich die Anfrage nach einer Leihoma für ein Baby, das täglich von 8 bis 14 Uhr betreut werden soll. Andere benötigen die Oma einen Tag pro Woche oder nur für wenige Stunden".


Der Kontakt zu  einer älteren Bezugsperson ist das Geld aber auf jeden Fall wert. Davon sind Frau Beer und Familie Huber überzeugt. Und natürlich sieht das auch Familie Komon so, auch wenn Stefanie sich "natürlich unentgeltlich" um den aufgeweckten blonden Patrick kümmert. "Stefanies Dienste wären ohnehin mit keinem Geldbetrag bezahlbar", weiß Karin Komon.


Und das gilt wohl für alle Omas dieser Welt: für Leihomas, Wahlomas und auch für die blutsverwandten Großmütter! Was täten wir nur ohne sie!


LINKS:

OMA-DIENST, Der katholische Familienverband Österreich
1010 Wien, Stephansplatz 6/6/626
Tel: (01) 515 52 3337
Fax: (01) 515 52 2332
Montag bis Freitag von 9-13 Uhr
omadienst@edw.or.at

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