Vertrauen statt Kontrolle

Vertrauen statt Kontrolle
Foto: shutterstock/Viacheslav Nikolaenko


Die Unzuverlässigkeit wird nur versteckt und darf eben nicht zutage treten. Aber sie ist immer noch da! Das ist so, als würde man Fieber durch ständiges Messen senken wollen. Die Ursache des Fiebers wird sich so wohl kaum beseitigen lassen.

Dem Kind eigene gangbare Lösungen und verlässliche Handlungen zuzutrauen, heißt auch, der eigenen Erziehung zu vertrauen.


Sicherheits - Check

"Laura, du gehst mir nicht alleine in der Anlage herum. Nur, wenn jemand bei dir ist, darfst du draußen bleiben. Wenn du kein anderes Kind findest, kommst du sofort zurück!" . - Mama hat eben gerne alles unter Kontrolle!
 
Jedoch:

Im Grunde genommen ist die 9-jährige Laura ja schon allein, sobald sie nur einen Fuß vor die Haustür setzt. Sie müsste also eigentlich auf der Stelle zurückkommen. Und genau das tut sie meistens auch. Ein wenig frustriert, aber artig.
Laura ist mit dieser Anordnung natürlich total überfordert und kann diese folglich auch irgendwie nicht nachvollziehen. Aber in Sicherheit ist sie wenigstens, die Kleine. Und Mami hat heute wieder alles unter Kontrolle! Puhh, Glück gehabt!

 

Ein andere Fall...

Der 12 jährige Philipp hört Sätze wie diese ebenfalls täglich: "Du meldest dich alle zwei Stunden übers Handy bei mir. Und dass du mir das ja nicht vergisst ...!"
Philipps Vater duldet in seinem Kontrollsystem nicht viel Spielraum.
Und es ist schon "Feuer am Dach", wenn Philipps Anruf mal um Minuten zu spät erfolgt!
 
Zwei Folgen haben sich daraus schon ergeben:

Erstens hat Philipp ganz einfach Angst, dass er den Zeitpunkt versäumen könnte und dass es dann wieder heftigen Zoff mit Paps gibt.


Zweitens ist er schon ein richtiger "Lügenprofi" geworden! Meistens macht er etwas ganz Anderes, als er seinem Vater gerade am Telefon erzählt. Schon aus Prinzip. Philipp wehrt sich damit auf seine Art gegen die andauernde Kontrolle. Und gegen den ständigen Zeitdruck via Handy...

 

Der Pocket-Stressman

Das Handy ist überhaupt zum beliebtesten "Zeit-Drücker" und nicht mehr zu toppenden "Big-Brother" in unserer Erziehungslandschaft geworden. 


Immer wieder erzählen mir Eltern: "Wenn mein Kind ein Handy hat, kann ich es besser kontrollieren!" Meine Meinung dazu: Handys sind in Wahrheit der Untergang wirklicher Kontrolle!


Haben Sie denn wirklich jede Verabredung Ihrer "Handy-Kids" im Griff? Die meisten Termine werden "unter der Bettdecke" verabredet. Auf jeden Fall weitab von Ihrer Wahrnehmung. Speziell ab der Pubertät und vielleicht auch danach. Und selbst wenn Sie alles mithören: Kaum ist etwas fix ausgemacht und das Kind ist wie vereinbart unterwegs, läutet an der nächsten Hausecke das Handy. Und schon wird manches umgestoßen oder neu vereinbart und Ihr Kind ist ganz woanders, als Sie denken.

Der Weg der totalen Kontrolle bringt in Wahrheit also keine Erleichterung im Umgang mit den Kids. Im Gegenteil: Es erschwert und kompliziert ihn sogar. Vor allem, weil Kinder eben auf das "tolle" Gefühl, ständig kontrolliert zu werden, nur allzu gerne verzichten würden.


Würden Sie denn durch Ihren Partner ständig kontrolliert werden wollen?  Auch wenn Sie ihn noch so lieb haben? Ich denke, Ihre Partnerschaft würde bald zerbrechen. Warum sollte es bei Ihrem Kind anders sein?

 

Vertrauen ist notwendig

Deshalb sollten wir, wenn wir wirklich entspannt erziehen wollen, uns doch etwas "zurücklehnen" und das Positivste fördern, das es zwischen Kind und Eltern zu erleben gibt: tiefes Vertrauen!
Ihre Kinder wollen und brauchen zu ihrer Entwicklung unbedingt Dinge, die man ihnen vollends zutraut. Dinge, die sie fern jeder Dauerkontrolle durchführen können. Zum Dank dafür werden sie dann sicherlich immer selbstständiger und auf jeden Fall umsichtiger.


Erziehen Sie Ihre Kinder also lieber zu Vernunft und klugem Umgang mit der Ressource Zeit und anderen Dingen.

Schenken Sie ihnen lieber Ihr Dauervertrauen, als Ihre Dauerkontrolle!


 
Andersrum gehen Sie nämlich vielleicht ein viel größeres Risiko ein:

Je dauerhafter Sie Ihr Kind bei einem bestimmten Verhalten kontrollieren, ohne auf dessen eigene Kompetenz zu vertrauen, desto weniger schafft der junge Mensch später im Leben, vergleichbare Situationen selbstständig zu lösen.

 

So kann es gehen

Da wäre noch Anna´s Geschichte: Sie ist schon 13 und ist heute von ihrer Teenie-Party ganz pünktlich nach Hause gekommen. Und das, obwohl ihre Mutter gar nicht zu Hause ist. Auch heute hat die allein Erziehende wieder einmal Spätschicht und muss sich auf den Zeitpunkt verlassen können, den Ihre Tochter fürs Heimkommen versprochen hat. Und das kann sie auch. Schon seit ein paar Jahren. So haben sie es sich eingerichtet, die beiden.


Ohne lange Diskussionen wird eine fixe Vereinbarung mit der Mutter getroffen... und eingehalten! Stets pünktlich und ganz selbstverständlich. Gerade deshalb, weil Mutter meist nicht daheim ist. Anna hat schon seit ihrer Volksschulzeit immer das große Vertrauen ihrer Mutter "cool" gefunden. Und das will Anna keinesfalls zerstören. Das täte sicher nicht nur ihr selbst weh....  Außerdem scheint ihr Verhalten schon Früchte zu tragen: Annas Mutter bringt es in Gesprächen mit Nachbarn in letzter Zeit immer öfters klar zum Ausdruck: "Ich bin sehr stolz auf Anna und ihre Zuverlässigkeit!" Anna hört das sehr gern...


Alles unter Kontrolle?

Das Verhältnis im vorigen Beispiel basiert aber nicht auf völligem laissez-faire* Stil ohne jede Grenze. Eigentlich ganz im Gegenteil. Anna kennt und spürt ihre Grenzen immer ganz genau. Ihre Mutter hat es aber ganz ohne ein Belohnungs-/Bestrafungssystem geschafft, ein erwünschtes Verhalten ihrer Tochter auszulösen, anstatt unerwünschtes abzustellen. Den Weg dazu bezeichne ich gerne als: "Grenzgeniales Vertrauen".


In diesem Terminus ist das Wort "Grenze" von entscheidender Bedeutung. Es beschreibt, wie tiefes Vertrauen mit dem Setzen ganz klarer Grenzen verbunden werden kann, ohne alles bloß "schleifen zu lassen". Dazu gleich mehr...

Manchen mag es natürlich leichter erscheinen, permanent mögliche Sanktionen (Drohungen) auszusprechen, um Unzuverlässigkeiten von vornherein zu unterbinden. Und das geht auch ganz gut. Eine Weile zumindest. Ziemlich oft führt dieser Weg sofort zum gewünschten Ergebnis. Doch damit kann es bald immer schwieriger werden, ein Kind zu einer ähnlichen, ernst zu nehmenden Aufgabe zu "überreden". Und schon wieder muss alles nachkontrolliert werden.


Die zwei mächtigsten Werkzeuge

Während Lauras Mutter und Philipps Vater also ihren Kids jede Art von Unzuverlässigkeit gleich rigoros austreiben möchten, hat Annas Mutter mit zwei sehr mächtigen "Werkzeugen" gearbeitet: Selbstmotivation und Eigenverantwortung.


Top- Tipps zum Entspannten Erziehen

Entspannte Grenzen

  • Sagen Sie Ihrem Kind ganz klar und im Voraus, welche Grenze und damit Konsequenzen es hat, wenn es unzuverlässig ist. Halten Sie diese angekündigten Folgen dann aber auch ganz genau, geradezu "Wort für Wort" ein! Im Fachjargon: "Vertragslogische Folgen".
  • Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind sich nicht an Vereinbarungen halten wird, oder nicht die Wahrheit sagt, überlegen Sie sich Ihre Reaktion, bevor Sie es darauf ansprechen. Reagieren Sie dann angemessen aber deutlich darauf. Am Besten erst in späterer, entspannter Situation... Ihr Kind in der angespannten Lage eines momentanen Fehlverhaltens zuzutexten, führt bloß zu einem Ergebnis: Abwehr!
  • Geben Sie Ihrem Kind einfache Gelegenheiten, ehrlich und zuverlässig zu sein und nehmen Sie diese Dinge danach freudig als "selbstständig und gut gelöst" wahr. Das stärkt! Und es macht Freude auf das "nächste Mal!"
  • Erinnern Sie Ihr Kind auch gelegentlich an Dinge, die es bereits total selbstständig gemacht hat. Das erzeugt in Ihrem Kind das gute und nachhaltige Gefühl, dass diese Dinge Ihnen auch langfristig wichtig sind.
  • Der absolute Entspannungsbringer aber ist: Seien Sie selbst ein Vorbild. Ihr Kind muss spüren, dass man sich auch auf Ihre Vereinbarungen genau verlassen kann. Nichts wird Ihrem Liebling dann leichter fallen, als das gleiche selbst zu "liefern".

 

Entspanntes Üben

Kinder üben gern, am Besten spielerisch. Das macht Ihre handlungsorientierte Welt eben aus. Üben Sie gemeinsam Zuverlässigkeit. Spielen Sie gegenseitiges Vertrauen durch!

Das ist schon das ganze Geheimnis. Spielerisch kann Ihr Kind, ob klein oder groß, in kleinen Schritten üben, verlässlich zu werden, oder es eben wieder zu werden.


Entspannender "Vorschuss"

Schenken Sie eigentlich Ihrem Kind oft Ihr Vertrauen? Oder sagen Sie stets der Einfachheit halber: "Diese Sache kann ich meinem Kind nicht alleine überlassen!" Haben Sie Ihrem Kind wirklich schon öfters ganz bewusst und vielleicht sogar auf Dauer etwas zur Gänze übertragen, ohne ständig hinter ihm zu stehen?

Haben Sie vielleicht schon einmal die folgenden "Zauberworte" als Vorschuss benutzt? "Ich vertraue dir das vollständig an, weil ich weiß, dass du es gut machen wirst!", "weil ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann!", "weil ich mich freue, zu sehen, wie du das schaffst!" Sie werden es genießen, zu erleben wie sehr Ihr Kind dadurch motiviert ist!

Ein vertrauensvoller Umgang mit Ihrem Kind, gepaart mit klaren Vorgaben und Grenzen, wird sich jedenfalls vielfach positiver auswirken, als jede Art von nachträglicher Kontrolle.

 

*Laissez-faire (franz. = "lasst sie machen") früherer Pädagogik-Stil ohne jede Grenzsetzung unter Ablehnung sämtlicher erzieherischer Stilmittel